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Bombenhagel über Kiel

„Jugendjahre im Luftkrieg“ Bombenhagel über Kiel

Ulrich Niebuhr hat die Luftangriffe auf Kiel als Jugendlicher miterlebt. Heute ist er 86 Jahre alt und hat anhand seiner Aufzeichnungen von damals ein Buch mit Kieler Blick auf die letzten Kriegsjahre im Norden verfasst. Jetzt erscheint "Jugendjahre im Luftkrieg".

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Das war Kiel nach seiner Zerstörung durch Bomben. Ein Blick vom Rathausturm, die Fleethörn und Hafenstraße entlang.

Quelle: Nordmark Film/Stadtarchiv

Kiel. „Die Gärten waren aufgewühlt von Sprengbomben und Phosphorkanistern, und durch dieses Chaos arbeiteten wir uns hindurch, über zerrissene Stacheldrahtzäune, brennende Löcher oder Bombenkrater, die uns den Weg versperrten“, beschreibt der 14-jährige Ulrich Niebuhr 1944, wie er in Kiel aus dem Bunker in der Reventlouallee den Heimweg erlebte.

Und er setzt den Bericht mit den Worten fort: „Als ich die schreckliche Gewissheit erhielt, dass es jetzt nach fünf Jahren ausharren auch unser Haus erwischt hatte, wie es eigentlich in diesen Flammenmeer gar nicht anders sein konnte, da hatte ich kein Verlangen mehr, unser Haus noch einmal zu sehen.“ 50 Jahre später fallen Ulrich Niebuhr seine mit Bleistift beschriebenen Tagebuchaufzeichnungen in die Hand. Jahrzehnte hatten sie in einer Schublade gelegen, die Schrift drohte zu verblassen. Also tippte der Mann seine Erlebnisberichte über die großen Bombenangriffe in den letzten Kriegsjahren mit der Schreibmaschine ab. Und es sollte noch weitere Jahre dauern, bis er sie vor wenigen Monaten in dem Buch „Jugendjahre im Luftkrieg“ veröffentlichte.

Gutbürgerliches Elternhaus bleibt lange unversehrt

Bis zu dieser Nacht auf den 27. August 1944 läuft das Leben des Jungen Ulli Niebuhr trotz des Krieges in geordneten Bahnen. Der Sohn eines Zahnarztes wohnt mit seinen Eltern und zwei älteren Geschwister in einer bürgerlichen Villa in der Moltkestraße 3. Er geht auf das staatliche Gymnasium, die heutige Gelehrtenschule, seine Mutter gibt Tennisunterricht, seine Schwester arbeitet im Weltwirtschaftsinstitut, die Familie führt also ein gutbürgerliches Dasein. Während in seinem Stadtteil in Düsternbrook, ja in ganz Kiel, schon ein großer Teil der Gebäude den Bomben der Alliierten zum Opfer gefallen waren, hatte das Elternhaus bis dahin fast unversehrt gestanden. Und auch die Praxis des Vaters in der Holstenbrücke im Kieler Zentrum blieb solange verschont. „Für mich war dies der schwerste Bombenangriff und die schlimmste Nacht des Krieges“, sagt Ulrich Niebuhr heute. „Natürlich. Denn wir hatten ja unser Zuhause verloren.“

Entscheidender alliierter Erfolg

Der 86-Jährige kann sich nicht mehr genau an alles erinnern, aber er hat ja seine Aufzeichnungen und auf die ist er in gewisser Weise stolz. Auch stellt Niebuhr durch Zitate heraus, wie sehr Amerikaner und Briten in den letzten Kriegswochen bemüht waren, bei der Besetzung Schleswig-Holsteins den Russen zuvorzukommen, damit diesen auch der Zugang zu Dänemark verwehrt bleibt. „Dieser militärische Erfolg der Alliierten ist doch so entscheidend für die gesamte Nachkriegsgeschichte“, sagt Niebuhr. Damals sei es dies ihm genauso wenig bewusst gewesen, wie die Tatsache, dass das NS-Hauptquartier noch vor Kriegsende nach Ostholstein verlegt worden war.

Genau dort war zu diesem Zeitpunkt die neue Heimat des Jungen. Denn nachdem das Haus in der Moltkestraße und auch die Praxis in der Innenstadt komplett ausgebrannt waren, suchte der Vater eine leerstehende Praxis und wurde in Malente fündig. Später studierte der Autor Musik, ging für Jahre als Klavierdozent in die USA und wurde später an einem Frankfurter Gymnasium Lehrer für Musik und Englisch. Nebenbei unterrichtete er an einem Konservatorium Klavier – seine Leidenschaft. Erst als Pensionär beschäftigte er sich wieder so intensiv mit seiner Jugend, dem Zweiten Weltkrieg und mit seiner Heimatstadt Kiel.

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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