16 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Für junge Leute mit Gegenwind

Jugendkutterprojekt Für junge Leute mit Gegenwind

Segeln mit jungen Leuten, die im Leben eher Gegenwind verspüren. Das war von Anfang an das Ziel des Vereins Kieler Jugendkutterprojekt. Mitglieder, Freunde und Förderer haben nun das 15-jährige Bestehen des Projekts gefeiert.

Voriger Artikel
Der schwarze Peter liegt im Rathaus
Nächster Artikel
Familie Schwan brütet ’was aus

Ein 1874 erbautes Fischereischiff mit stählernem Rumpf: Der Stapelhub der „Seestern“, des ältesten Schiffes der Stadt, war im Mai 2013 ein Höhepunkt in der Geschichte des Jugendkutter-Vereins.

Quelle: Martin Geist

Kiel. Gelernter Elektriker, studierter Sozialarbeiter, Skipper, maritimer Überzeugungstäter: Jürgen Pautke hört es zwar nicht so gern, aber er ist das Herz des Jugendkutter-Vereins. Und er hat ein Herz für hoffnungslose Fälle. Was er schon 2001 bewies, als der frisch gegründete Verein als erstes Boot die „Fiasko“ als Geschenk vom städtischen Jugendamt übernahm. „Wahrscheinlich wollten die das loswerden“, spielt Vorsitzende Claudia Schmidt auf den erbarmungswürdigen Zustand des Vehikels an, das seinen Namen nicht zu Unrecht trug.

 Ein Fiasko wurde die Geschichte trotzdem nicht. Pautke und Co. verhalfen dem Kutter tatsächlich wieder zur Seetüchtigkeit, bis zu acht Jugendliche aus Haupt- und Förderschulen vom Kieler Ostufer fanden darauf Platz. Sie erfuhren Gemeinsamkeit, den Wert von Verlässlichkeit, fanden Freunde, oft sogar eine Art zweite Familie.

 Das entwickelte sich nicht nur beim Segeln, sondern auch in den Winterhalbjahren, wenn die Jugendlichen eingebunden waren, um ihre Wasserfahrzeuge wieder fit und schick für die neue Saison zu machen. Oder eben, um weitere hoffnungslose Fälle zu retten. So geschehen bereits wieder im Jahr 2002, als der Verein die vom Jugendaufbauwerk ausgemusterte „Clara“ übernahm. Das heruntergekommene Rettungsboot verfügte über mehr Platz als die Vorgängerin und wurde tatsächlich so gründlich aufbereitet, dass es bis heute seinen Dienst tut.

 Zusammen mit der „Seestern“, die selbstredend für eine weitere unmögliche Mission steht. 2006 schafften sich die Kutterfreunde das 1874 erbaute Fischereischiff mit seinem stählernen Rumpf an, hatten zunächst bloß einige eher kosmetische Arbeiten im Sinn, stellten fest, dass es auch um diese Errungenschaft äußerst fiaskös bestellt war – und feierten nach sieben Jahren Müh und Plag im Mai 2013 den großen Stapelhub des ältesten Schiffs in ganz Kiel.

 Seither schippern die Jugendlichen auf größeren Fahrten durchaus komfortabel, mit Kojen, einer Kombüse und Klo mit Wasserspülung. Zugleich aber nach wie vor mit der Philosophie, dass Segeln Werte und Kompetenzen fürs Leben vermittelt. Haupt- und Sonderschulen gibt es heute nicht mehr, dafür arbeitet der Verein heute viel Jugendlichen des Regionalen Berufsbildungszentrums (RBZ) Technik und anderer Ostufer-Schulen zusammen. Die haben sich inzwischen zum Schulwassersportzentrum Ostufer zusammengeschlossen und kooperieren eng mit dem Kutterprojekt. „Jugendliche, die sonst nie in die Verlegenheit kommen würden, zu segeln“, sind dabei laut Claudia Schmidt nach wie vor die wichtigste Zielgruppe.

 Das bringt Anerkennung. „Wir sind froh, dass es Sie gibt“, gratulierte Stadträtin Renate Treutel zum Geburtstag. Das Kutterprojekt sei „aus dem Sozial- und Kulturleben gar nicht mehr wegzudenken“. Schulleiter Jürgen Ströh vom RBZ Technik lobte die nicht ausgesprochene, aber bis in jeder Faser gelebte Verknüpfung von Teambuilding, Integration und Inklusion. Viele Teilnehmer haben sich nach seiner Erfahrung in einer Weise entwickelt, die anfangs kaum zu erwarten war. Facharbeiter auf der Werft, Schiffbau-Studierende, angehende Abiturienten, sie alle seien ein Stück weit auf dem Jugendkutter geformt worden, betonte Ströh. Trotz des Lobes braucht es aus seiner Sicht endlich eine „verlässliche Finanzierung“. Seit Beginn hangelt sich das Projekt von Jahr zu Jahr durch, immer wieder nahm Skipper Pautke in der Hoffnung, dass es doch weitergehen würde, sogar Zeiten der Arbeitslosigkeit in Kauf. Aktuell immerhin sind „Clara“ und „Seestern“ dank Unterstützung der Stadt, des Landessportverbands, privater Spender und engagierter Ehrenamtler gesichert. Und nächstes Jahr, so hoffen alle, wird es irgendwie weitergehen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Kieler Förde

Schiffspositionen in
der Kieler Förde, dem
NOK und der Ostsee.

Anzeige
Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3