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Das Opfer leidet noch heute

Jugendschöffengericht Kiel Das Opfer leidet noch heute

Am Morgen des 27. April 2013 hatten zwei bewaffnete Täter einen Juwelier in dessen Geschäft auf dem Ostufer hinterrücks niedergeschlagen und erheblich verletzt. Das Jugendschöffengericht sprach den Mittäter jetzt schuldig.

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Der Mittäter muss für über drei Jahre ins Gefängnis.

Quelle: Friso Gentsch/dpa

Kiel. Es war neben dem spektakulären Überfall auf ein Pfandleihhaus am Exerzierplatz vom vergangenen Oktober eine der brutalsten Kieler Raubtaten der letzten Jahre: Am Morgen des 27. April 2013 hatten zwei bewaffnete Täter einen Juwelier in dessen Geschäft auf dem Ostufer hinterrücks niedergeschlagen und erheblich verletzt. Die berufliche Existenz des traumatisierten Opfers ist zerstört.

Am Freitag wurde der jüngere Mittäter (22) von einem Jugendschöffengericht zu dreieinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt. Sechseinhalb Jahre wegen schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung hatte zuvor das Kieler Landgericht gegen den älteren Drahtzieher des Überfalls verhängt. Der vorbestrafte Heroindealer aus Albanien war vor dem Raub aus einer Schweizer Haftanstalt ausgebrochen und muss dort nach Verbüßung der Kieler Strafe noch „nachsitzen“.

Auch sein gestern verurteilter, zur Tatzeit noch 20-jähriger Komplize ist Albaner. Beide zogen offenbar ohne festen Wohnsitz und soziale Bindungen durch Europa. Ob das Duo, das bei dem Juwelier im Stadtteil Gaarden Schmuck im Einkaufswert von bis zu 38000 Euro zusammenraffte, zu einer organisierten Bande gehört, konnte der dreitägige Prozess im Amtsgericht nicht klären. Dafür spricht jedoch, dass der heute 22-Jährige auch gegenüber dem Sachverständigen, einem Kieler Jugendpsychologen, verschlossen blieb wie eine Auster.

Die bäuerliche Idylle mit Kuh und Ziege in einem kleinen Bergdorf, die der Angeklagte als angebliches Herkunftsmilieu bemühte, schien dem Gericht seltsam blass: zu farblos, um wahr zu sein. Die schwer zu fassende Persönlichkeit des schmalen Jünglings, der kaum ein Wort Deutsch spricht, liege irgendwo zwischen schüchterner Freundlichkeit und außerordentlich hoher krimineller Energie, sagte die Vorsitzende in der Urteilsbegründung. Einen eiskalten Täter sah der Anwalt des Opfers. Der brutale Überfall warf seinen Mandanten bis heute völlig aus der Bahn. Der ehemals selbstbewusste Geschäftsmann, auch Kampfsportler und Ex-Soldat, ist nachhaltig traumatisiert und berufsunfähig. Immer noch benötigt er psychologische Betreuung. Seinen Laden hat er aufgegeben, sich von allen Aktivitäten zurückgezogen. „Mit Mitte 50 wartet er auf seine Rente“, sagte die Vorsitzende.

Der als Nebenkläger am Prozess beteiligte Zeuge beugte sich an jenem Morgen im Laden gerade über sein zweites Frühstück, als der ältere Angreifer ihm von hinten „mit unglaublicher Gewalt“ seine Pistole über den Kopf zog, so das Urteil. Die Platzwunden nach mindestens acht weiteren harten Treffern vernähten die Ärzte später mit 30 Stichen. Zumindest den geraubten Schmuck bekam der Juwelier schnell zurück: Zeugen hatten beobachtet, wie die flüchtenden Räuber die Beute in einem Pkw deponierten. Wochen später wurden die beiden in Griechenland festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert.

Die 9000 Euro Schmerzensgeld, die das Urteil dem Opfer zusprach, sind wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ohnehin ist fraglich, ob überhaupt jemals Geld tröpfelt: Der Angeklagte ist mittellos, hat keinerlei Ausbildung. Nach Verbüßung seiner Strafe muss er mit Abschiebung und Einreiseverbot rechnen.

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