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„Wir werden ernst genommen“

Junger Rat im Interview „Wir werden ernst genommen“

Zum zweiten Mal wählen Ende November Kinder und Jugendliche ihre eigene Vertretung im Rathaus. Özgürcan Bas (18), Anouschka Kuschnerus (16) und Niklas Becker (17) wurden vor zwei Jahren in den ersten Jungen Rat gewählt. Die drei sind im Vorstand und ziehen im Interview Bilanz ihrer ersten Amtszeit.

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Sie werben für den Kinder- und Jugendbeirat: Özgürcan Bas, Anouschka Kuschnerus und Niklas Becker (v.li.). Die Schüler sind drei von fünf Vorstandsmitgliedern und verbringen viel Freizeit mit der politischen Arbeit. Wer künftig im Rat sein wird, können 12- bis 19-jährige Kieler bei der Onlinewahl im November entscheiden.

Quelle: Sven Janssen

Die erste Wahlperiode des Jungen Rates ist fast um. 24 Sitzungen liegen hinter Ihnen. Sie haben einige Projekte umgesetzt, sämtliche Beiräte der Stadt besucht, sind in Ausschüssen und der Ratsversammlung gewesen, haben Anträge und Anliegen eingebracht. Hat sich die ganze Arbeit gelohnt?

Kiel. Özgürcan Bas: Auf jeden Fall. Aber weil es den Kinder- und Jugendbeirat vorher noch nicht gab, mussten wir ja erstmal viel lernen. Wie führt man Protokoll, wie schreibt man Anträge, mit wem muss man reden, um etwas zu erreichen, wie tritt man in der Politik überhaupt auf? Es dauerte also ein halbes Jahr, bis wir reingekommen sind. Aber auch die Politik hatte keine Erfahrung mit dem Gremium. Das zeigte sich, als wir einmal acht Anträge gleichzeitig gestellt hatten und die Irritation groß war. Inzwischen läuft das aber.

Niklas Becker: Stimmt, das erste halbe Jahr war eine intensive Lernphase, dann aber konnten wir auch mit Projekten loslegen. Im Sommer vor der Landtagswahl hatten wir zum Beispiel das große Demokratieprojekt ,Ich wähl mir die Welt’.

Anouschka Kuschnerus: Und wir haben ein Fußballturnier organisiert, mit dem zwei Fußballtore eingeweiht wurden, die sich der Jugendtreff Ellerbek schon jahrelang gewünscht hatte. Die wurden aber immer wieder von der Stadt abgelehnt. Wir als Junger Rat haben dann einen Antrag gestellt, die Ausschüsse haben es durchgewunken, und die Tore wurden von der Ratsversammlung bewilligt.

Reicht das Rede- und Antragsrecht denn aus, oder müsste der Junge Rat noch mehr Einflussmöglichkeiten haben?

Kuschnerus: Wenn wir einen Antrag stellen, muss die Politik sich damit beschäftigen. Daher würde ich schon sagen, dass wir viel Einfluss nehmen.

Becker: Wenn man will, dass Kinder und Jugendliche ihre Stadt mitgestalten, ist das vollkommen ausreichend und sinnvoll so. Wer mitbestimmen will, kann sich ja gern in die Ratsversammlung wählen lassen.

Bas: Das Beispiel Fußballtore zeigt, dass es funktioniert. Als das Eiderbad und Katzheide geschlossen werden sollten, waren wir mit mehreren Aktionen außerhalb des Rathauses aktiv. Ganz zufälligerweise hat der Oberbürgermeister kurz darauf seine Schwimmlernkampagne ,Auf Bronzekurs!‘ ins Leben gerufen. Das freut uns, und wir sind Herrn Kämpfer nicht böse, dass er sich Sachen abgeguckt hat. Jedenfalls füttern wir die Politik auf verschiedenen Ebenen andauernd mit neuen Themen, einige werden realisiert, andere nicht.

Gibt es denn irgendwo noch Verbesserungsbedarf?

Becker: Aus unserer Sicht könnte einiges schneller gehen. In manchen Gremien steckt schon eine Spießigkeit, beispielsweise mit so formalen Begrüßungen wie ,sehr geehrter Vorsitzender`, und was man nicht alles machen muss. Von Jugendbeiräten aus kleineren Orten hören wir, dass die Wege dort kürzer sind und alles unkomplizierter und viel privater abläuft. Kiel ist halt eine Großstadt.

Bas: Es gibt immer mal wieder Hürden, und wir fragen uns, warum ist das immer so schwierig und warum ist das so viel Bürokratie und warum müssen wir da immer hinterherlaufen? Wir versuchen das Bestmögliche für die Jugend herauszuholen, müssen aber eben auch Kompromisse eingehen. Wir wollen nicht nur ein Wörtchen mitreden, wie es am Anfang hieß, sondern schon ernsthafte Kritik einbringen. Insgesamt merken wir aber, dass wir dabei ernst genommen werden und freuen uns, dass die Politik so kooperativ ist.

Auf der vorletzten Ratsversammlung, die bis nach Mitternacht ging, ist es aber nicht so gut gelaufen, oder?

Bas: Es ging uns nur um einen kurzen Redebeitrag von zwei, drei Minuten für unseren Antrag zur autofreien Innenstadt. Bis ich dran war, musste ich allerdings rund vier Stunden warten. Na klar gibt es viele wichtige Themen in der Ratsversammlung, aber warum stehen wir ganz unten auf der Tagesordnung? Ich bin zwar volljährig, alle anderen von uns sind aber minderjährig, also wir fragen uns natürlich, ob das jugendgerecht ist.

Vom 20. bis 24. November wird der Junge Rat neu gewählt. Wollen Sie wieder dabei sein, oder ist Schluss mit Politik?

Kuschnerus: Ich habe Lust weiterzumachen. Es ist schon viel Arbeit, es bleibt wenig Zeit für Schule und andere Hobbys, aber es ist eine tolle Zeit, und es macht viel Spaß.

Becker: Ich werde auf jeden Fall mit Politik weitermachen. Aber im Rat ist für mich jetzt Schluss, weil ich mich aufs Abi konzentriere und ab Sommer nicht mehr in Kiel bin.

Bas: Es waren zwei richtig geile Jahren. Es ist eine super Möglichkeit, um in die Politik einzusteigen. Ich hatte schon von allen Parteien Anfragen. Aber ich konzentriere mich derzeit neutral auf die Aufgaben im Jungen Rat und will mich noch mal zwei Jahre reinknien. Ich kann es auch allen anderen Jugendlichen nur empfehlen: Es ist eine Erfahrung, die man nirgendwo anders sammeln kann.

Weitere Informationen

Das Kinder- und Jugendbüro beantwortet unter Tel. 0431/901-3300 oder per Mail an kinder+jugendbüro@kiel.de alle Fragen zur Wahl. Infos unter www.kiel.de/wahlsinn

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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