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Einfach nur zuhören und da sein

Gefangenenbetreuung Einfach nur zuhören und da sein

Alle zwei Wochen ist Marie Schmädicke im Gefängnis Neumünster - zu Besuch. Dort betreut die 24-jährige Kielerin einen fast gleichaltrigen Straffälligen.

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Besuch in der Justizvollzugsanstalt: Marie Schmädicke betreut für die Kieler Stadtmission seit eineinhalb Jahren einen Straftäter im Gefängnis.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Neumünster/Kiel. „Ich bin einfach da für ihn“, sagt die junge Frau. „Ich höre zu, helfe bei Anträgen, lasse ihn von seinem Alltag erzählen.“ Seit eineinhalb Jahren ist Marie Schmädicke ehrenamtlich für die Kieler Stadtmission im Einsatz und hat es nie bereut. „So kann ich einen Beitrag zur Haftbewältigung leisten“, erzählt die Jurastudentin. „Und der schöne Nebeneffekt ist, dass ich Einblicke in Kriminalität bekomme. Das ist eine perfekte Bereicherung zu meinem recht theoretischen Studium.“

 Auf die Idee, einen Menschen im Gefängnis zu unterstützen, kam Marie Schmädicke an der Kieler Uni. Dort wurde ein Projekt für Studierende angeboten, sich in der JVA in Neumünster in Gruppen um Häftlinge in Untersuchungshaft zu kümmern. Um mutmaßliche Straftäter also, die noch nicht schuldig gesprochen wurden. „Im Gefängnis zu sein, war schon ziemlich gewöhnungsbedürftig.“ Sie fühlt sich an alte Spielfilme erinnert: "Es gibt Fallgitter, dass sich die Straftäter nicht die Treppen herunterstürzen, knarrende Zellentüren mit riesigen Schlössern.“ Noch gut hat sie das Johlen und die Pfiffe der Gefangenen bei ihrem ersten Besuch vor knapp vier Jahren im Ohr: „Da sind wir Studierende durch die Gefangenen gegangen, die gerade Ausgang hatten. Das war ein merkwürdiger Moment, so in deren Privatsphäre einzudringen.“

 Abgeschreckt hat sie das alles nicht. Nachdem das Uniprojekt beendet war, meldete sie sich bei der Kieler Stadtmission und ließ sich zur ehrenamtlichen Helferin ausbilden. Als ihr dann ein Straffälliger zugeteilt wurde, war ihr egal, wofür der Mann gerade im Gefängnis sitzt. „Ich hätte aber auch bestimmte Delikte ausschließen können“, sagt sie. „Beispielsweise Sexual- oder Tötungsdelikte.“ Was „ihr“ Häftling angestellt hat, weiß sie, schweigt aber aus Personenschutz-Gründen. „Mir war nur wichtig, dass ich als junge Frau mit eher wenig Lebenserfahrung nicht eine ältere Person mit viel Lebenserfahrung betreuen muss.“

 Ihre Mutter fand ihren ehrenamtlichen Einsatz anfangs gar nicht so lustig. „Aber inzwischen haben sich ihre Zweifel gelichtet“, sagt Marie Schmädicke, die einmal Anwältin für Strafrecht werden möchte. „Wir Ehrenamtlichen können ja selbst bestimmen, wie wir uns einlassen. Beispielsweise muss man nicht zwingend seine Identität bekanntgeben. Ich hab’ das aber gemacht und würde meinen Häftling auch nach der Entlassung noch draußen betreuen.“ Trotzdem sei eine gewisse Distanz hilfreich. „Wir siezen uns auch noch nach eineinhalb Jahren“, sagt sie lächelnd. Ob sie nicht manchmal an seine Tat denken muss? „Das sehe ich ganz professionell. Ich bin keine moralische Instanz und denke auch nicht, wenn er über das ewige Kartoffelessen oder die Mitgefangenen stöhnt: Das hast du dir ja selbst eingebrockt.“ Auch mit Ratschlägen halte sie sich zurück. „Höchstens, wenn er konkret fragt, gebe ich mal einen Tipp.“

 Nächste Woche macht sie sich wieder auf den Weg. Dann lässt Marie Schmädicke die Theorie der Kieler Uni hinter sich und taucht ein in das Leben der JVA Neumünster. Völlig andere Themen spielen dann eine Rolle. Dann erfährt sie, wie schwer es ist, den Strafvollzug zu bewältigen, wie die Haft einschüchtern kann. Sie hört von Vorkommnissen im Gefängnis oder spürt bei „ihrem Gefangenen“ die Sehnsucht nach seiner Familie. Eine Stunde bleibt sie im Schnitt im Besucherraum.

Meistens fährt sie mit dem Zug von Kiel nach Neumünster. Pro Fahrt zahlt sie dafür fünf Euro. Geld, das sie gerne ausgibt. Denn über all die Monate hat sie festgestellt: „Wer eingeschlossen ist, freut sich über jedes Gespräch.“

Helfer gesucht

Ausbildung : Jeder ab 18 Jahren kann ehrenamtlicher Helfer in der Straffälligenhilfe der Kieler Stadtmission werden. Das aktuelle Seminar, das nur alle zwei Jahre angeboten wird, findet vom 1. November bis zum 13. Dezember statt. Es umfasst vier Abendveranstaltungen (1., 8., 15. November und 13. Dezember), eine Tagesveranstaltung am Sonnabend, 5. November, sowie eine Wochenendveranstaltung am 3. und 4. Dezember. Hinzu kommen noch Führungen durch die JVA Kiel und Neumünster. Der Ausbildungsgang ist kostenlos.

Hintergrund : Die Kieler Stadtmission unterstützt die beiden Gefängnisse in Kiel und Neumünster seit rund 30 Jahren. Zurzeit sind rund 35 Ehrenamtliche im Einsatz. Jeder Helfer bestimmt selbst, wie oft er einen Straffälligen besuchen möchte. Den Ehrenamtlichen stehen die Mitarbeiter der Stadtmission jederzeit eng zur Seite. Alle zwei Monate können Gruppenabende besucht werden, um sich untereinander auszutauschen. Einige Ehrenamtliche organisieren auch ein Gruppenangebot, beispielsweise Volleyball, Schach, Kochen oder Bibelarbeit.

Flüchtlinge : Derzeit wird an einem Konzept gearbeitet, damit auch straffällig gewordene junge Flüchtlinge ehrenamtlich betreut werden können. Dafür sucht die Stadtmission gerne Helfer aus beiden Kulturen.

Kontakt : Wer sich ehrenamtlich engagieren möchte, kann sich an Daniel Nicol, Tel. 0431/26044-755 (montags und donnerstags 9 bis 12 Uhr) oder daniel.nicol@stadtmission-mensch.de wenden.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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