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Mit der Idylle ist es vorbei

KGV Neumühlen-Dietrichsdorf Mit der Idylle ist es vorbei

Völlige Ratlosigkeit beim Kleingartenverein Neumühlen-Dietrichsdorf: Wie jetzt auf einer Sitzung bekannt wurde, herrscht bei dem rund 600 Mitglieder starken Verein Ausnahmezustand. Es fehlen Akten und Überweisungsbelege.

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Der Pachtgarten ist für Kai Hinz sein Ein und Alles. Zusammen mit Enkel Leon Pascal (3) findet er hier völlige Entspannung. Nun hat er große Sorge, dass die Kleingartenanlage wegen fehlender Pachtzahlungen aufgelöst wird.

Quelle: Sven Janssen

Neumühlen-Dietrichsdorf. Etliche Gläubiger warten seit Monaten auf ihr Geld. Pachtgebühren wurden nicht bezahlt, das Wassergeld nicht überwiesen, die Versicherungen nicht bedient. Intern wird von Schulden in Höhe von einer Viertel- bis zu einer halben Million Euro gesprochen. Der erste Vorsitzende und seine Frau, die als Schatzmeisterin tätig war, gaben ihre Ämter zurück und haben sich selbst angezeigt. Auch gegen den zweiten Vorsitzenden wurde Strafanzeige gestellt.

„Waidmannsruh“ steht auf einem großen Schild am Eingang. In den Gärten blühen lilafarbene Astern und gelbe Sonnenblumen, Karotten und Kartoffeln warten auf die Ernte. Doch seit der Sitzung ist es mit der Ruhe vorbei. „Das ist alles ganz, ganz schlimm“, sagt Kleingärtner Christofer Wiese (69) und setzt die Schubkarre ab. „Keiner von uns weiß, was nun passiert. Vermutlich ist unser gesamtes Geld futsch.“ Seit gut 40 Jahren beackert er mit seiner Frau Monika (63) seine 480 Quadratmeter große Parzelle. 150 Euro Pacht zahlen sie im Jahr. Doch die Summen, von denen während der Sitzung gesprochen wurde, hätten eine andere Dimension. Abbuchungen von 62.000 Euro und einmal von 23.000 Euro seien genannt worden. Dazu noch unbezahlte Rechnungen in unabsehbaren Höhen. Kleingartenkollege Adalbert Hardrath (81) und seine Frau Johanna (81) hatten sich vor Kurzem noch gewundert, dass eine Sonderumlage in Höhe von 30 Euro verlangt wurde. „Damit sollten wohl die fälligen Rechnungen etwas ausgeglichen werden“, sagt der Rentner.

„Das hier ist mein Idyll“, sagt Koppelobmann Kai Hinz (51) und öffnet seine Gartenpforte. 30 orangefarbene Kanarienvögel turteln in einer Voliere, in einem Teich ziehen Goldfische und Karpfen ihre Runden, etwas abgetrennt wohnen vier Bienenvölker, der große Pfirsichbaum hängt voller Früchte. Seine zwei Puten und zwei Gänse halten eine brachliegende Parzelle nebenan sauber. „Sollte das alles wegkommen.... ob man dann noch einmal von vorn anfängt?“, fragt er sich selbst leicht resigniert. „Ich bin unendlich enttäuscht. Aber noch weiß ja niemand, wer was gemacht hat.“ Da aber rund um die 30 Hektar große Anlage überall Häuser stehen, befürchtet er, dass die Stadt Kiel als Eigentümerin Baugrund aus den Gärten machen könnte.

Telefonisch sagte der erste Vorsitzende des Kleingartenvereins unserer Zeitung, dass er sein Amt nur aus Krankheitsgründen zurückgegeben habe. Die Selbstanzeige erfolgte, weil es so viele Ungereimtheiten gegeben habe. „Ich war zum Teil selbst von den Zahlen überrascht“, gesteht er. Ein Anwalt betreut ihn. Schon bei der Kassenprüfung im vergangenen Jahr habe er einen externen Prüfer hinzugezogen. „Ich wollte sicher gehen, dass alles richtig läuft.“ Damals wurde nach seinen Angaben nichts beanstandet.

Bereits vor der explosiven Sitzung hatte sich der Landesverband der Kleingärtner mit Sitz in Ellerhoop eingeschaltet. Vorsitzender Hans-Dieter Schiller und Rechnungsführer Thomas Gadow haben sich als Notvorstand angeboten. „Darüber muss aber noch das Registergericht entscheiden“, sagt Schiller, der auch bei der Sitzung anwesend war. „Wir wollen versuchen, den Verein wieder auf die Füße zu kriegen. Nur im Moment sind keine Belege und Akten da. Es ist alles verschwunden.“

Die Landeshauptstadt bestätigte, dass „eine Schuld des Vereins gegenüber der Stadt besteht“. Man warte gegenwärtig aber auf das schriftliche Ergebnis der Mitgliederversammlung. Bürgermeister Peter Todeskino „ist sehr daran interessiert, dass sich die Situation für die Vereinsmitglieder entspannt und zum Guten wendet“. Grundsätzlich bestehe die Bereitschaft zum Gespräch.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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