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Wo waren die Kritiker?

KN-Talk Wo waren die Kritiker?

Zum Abschluss des KN-Talks am Mittwochabend hielt die breite Mehrheit der 1200 Besucher blaue Karten nach oben und signalisierte in Sachen Flüchtlingspolitik ganz klar: Ja, wir schaffen das. Warum weicht diese Momentaufnahme aus dem Kieler Audimax so stark vom Deutschlandtrend ab? Experten sagen: Kritiker fühlen sich isoliert und abgekapselt.

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Zum Abschluss des KN-Talks am Mittwochabend hielt die breite Mehrheit der 1200 Besucher blaue Karten nach oben und signalisierte in Sachen Flüchtlingspolitik ganz klar: Ja, wir schaffen das.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. „Ich war über dieses deutliche Ergebnis und die positive Grundstimmung im Saal auch überrascht“, sagte Chefredakteur Christian Longardt am Donnerstag. Viele Leserzuschriften hätten anderes erwarten lassen. Longardt betonte: „Der Eintritt war frei, jeder Interessierte hatte die Chance zu kommen – außer den Talkgästen und den Experten in der ersten Reihe hatte niemand eine persönliche Einladung.“ Schleswig-Holstein genießt nach Ansicht von Prof. Joachim Krause, Politologe an der Uni Kiel, das Glück, im Windschatten zu liegen und auch noch dünn besiedelt zu sein. „Das Ganze ist eine Frage der persönlichen Betroffenheit, und deshalb wundert mich der Verlauf des KN-Talks gar nicht. Würden wir in Bayern leben, wo jeden Tag aufs Neue Tausende über die österreichische Grenze kommen, sähe das ganz anders aus.“ Darüber hinaus fühlten sich viele Kritiker der aktuellen Flüchtlingspolitik isoliert und abgekapselt. „Die kommen zu solchen Veranstaltungen natürlich nicht. Bedenken Sie, dass die meisten Menschen ein Problem damit haben, sich vor einer so großen Menschenmenge adäquat zu artikulieren.“

Krause sieht in dieser Sprachlosigkeit eine Gefahr. Verdrängungssorgen am unteren Rand der Gesellschaft, Angst vor Überfremdung: Wer sonst CDU, SPD, FDP oder Grünen seine Stimme gab, könnte sich aufgrund von Entfremdung das nächste Mal für eine Rechtspartei entscheiden. Der Politologe hält es für absehbar, dass die derzeit noch vorherrschende Willkommenskultur der Deutschen eines Tages umschlägt. „Niemand weiß, wann es soweit sein wird. Aber dieser Punkt wird kommen.“

Nach einer neuen Umfrage des Kölner Meinungsforschungsinstituts YouGov teilen nur noch 32 Prozent der Bundesbürger den Optimismus von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die mit Blick auf die hohe Flüchtlingszahl gesagt hatte: „Wir schaffen das.“ Im September waren es noch 43 Prozent gewesen. Das ZDF-Politbarometer verzeichnet immerhin noch 46 Prozent Zustimmung. Und nach Angaben der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen finden bloß 45 Prozent der Deutschen, dass das Land die große Zahl an Flüchtlingen verkraften kann. Die Skeptiker befürchten vor allem, dass es in anderen Bereichen zu Einsparungen kommt und die Kriminalität zunimmt.

„Auch wir werden oft gefragt, wie es denn sein kann, dass ein bestimmtes Umfrageergebnis zustandekommt“, sagte Andrea Wolf von der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen. Die Kritiker würden dann auf ihren Bekanntenkreis verweisen, der vollkommen vom Gegenteil dessen überzeugt ist, was die Umfrage gerade ergeben hat. „Sie müssen davon ausgehen, dass es sich bei Menschen in ihrem persönlichen Umfeld um einen Ausschnitt einer bestimmten Gruppe handelt, mit denen Sie sich gut verstehen. Das ist ganz normal.“ Mitnichten lasse sich das auf den Querschnitt der Gesamtheit übertragen, und so ähnlich verhalte es sich beim KN-Talk: „Zu Ihrer Veranstaltung sind Menschen gekommen, die das Thema Flüchtlinge besonders umtreibt und die vermutlich Ihre Zeitung lesen“, sagte sie. „Aber auch das ist nicht repräsentativ.“

Robert Hamann (parteilos), stellvertretender Bürgermeister aus Sören bei Bordesholm, griff am Donnerstagvormittag zum Telefonhörer und rief in der Redaktion an. „Die Kritiker ducken ab“, sagte er, und das bereite ihm deshalb große Sorgen, weil die Stimmung kippen könnte. „Dann wäre unsere freiheitliche Demokratie in Gefahr, die wir uns unter schwersten Bedingungen erkämpft haben.“ Schönfärberei jedenfalls gehe an der Basis vorbei. „Die Bürger erwarten von der Politik klare Worte.“

Silvia Gauch hielt am Ende des KN-Talks die rote Karte empor. „Ich hatte gehofft, offene Worte und etwas Neues zu hören, nicht nur Blasen“, sagte die Kielerin. Warum außer ihr nur wenige Kritiker den Weg in den größten Saal der Uni gefunden hatten? „Die Menschen wollen sich nicht bepöbeln lassen“, sagte sie. Und vielleicht sei ein so bildungsbürgerlicher Veranstaltungsort wie das Audimax auch nicht gerade glücklich gewählt. Die meisten Studenten gehörten zu den Befürwortern.

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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