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Erst mit der Sprache kommen sie an

KN spenden 12 000 Euro Erst mit der Sprache kommen sie an

„Ohne Sprache geht gar nichts.“ Insgesamt rund 1000 Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, werden im Jahr bei ihr und ihren Kollegen von der Zentralen Bildungs- und Beratungsstelle für Migranten und Flüchtlinge (ZBBS) in Kiel geschult und beraten. Die Kieler Nachrichten unterstützen den Verein jetzt mit 12 000 Euro.

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Deutschkurs bei der Zentralen Bildungs- und Beratungsstelle für Migranten (ZBBS): Leiterin Idun Hübner (links) und Lehrerin Yoon Hübner.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. „Die KN stehen für Unabhängigkeit“, sagt Sven Fricke, Geschäftsführer der Kieler Nachrichten. „Hier aber wollen wir bewusst Stellung beziehen.“ Zusammen mit Chefredakteur Christian Longardt entschied er sich, zwei Vereine mit insgesamt 24000 Euro zu unterstützen. Das Geld stammt vom traditionellen KN-Empfang, der aufgrund der Flüchtlingskrise abgesagt wurde. Ein Scheck ging bereits an den Kinderschutzbund (wir berichteten). Jetzt folgt die ZBBS. „Ihre Arbeit verdient einfach Unterstützung“, so Christian Longardt. Überglücklich nahm Finanzkoordinatorin Idun Hübner den Scheck jetzt im Verlagshaus entgegen und die KN gleich mit in eine besondere Unterrichtsstunde. Hierfür nämlich soll das Geld verwendet werden.

Sophienblatt 64a: Im dritten Stock freut sich Thaaer Al-Jarad schon auf den Unterricht, der um 12.45 Uhr beginnt. Vier Stunden lang darf der 30-jährige Syrer zusammen mit 19 weiteren Geflüchteten Deutsch lernen. „Das ist mein größter Wunsch, nur so kann ich weiter studieren“, sagt der junge Mann auf Englisch. Er hat Glück gehabt, denn er hat einen der begehrten Plätze in der einzigen B1-Zertifikats-Klasse bekommen. Hier lernen ausschließlich Geflüchtete, die in ihrer Heimat wegen des Krieges nicht zu Ende studieren konnten oder die studieren wollen. „Wir haben lange Wartelisten“, sagt Idun Hübner. „Der Kursus läuft über ein ganzes Jahr, und jedes Mal können nur 20 Geflüchtete mitmachen.“ Die Auswahl hängt allein vom Anmeldezeitpunkt ab.

„Das bricht uns oft fast das Herz“, sagt Idun Hübner. „Da sind junge Leute, die schnell weiter studieren wollen, aber keinen Platz fürs B1-Zertifikat bekommen haben. Die Prüfung ist aber Voraussetzung für die Uni. So verlieren sie wertvolle Zeit.“ Der Syrer Thaaer Al-Jarad weiß von seinem Glück und ist hochmotiviert. Da kommt auch schon seine Lehrerin Yoon Hübner die Treppe hoch. Der Unterricht kann beginnen.

Syrer haben besondere Probleme

Das „Küken“ in der Klasse ist Samia Al-Haushaby. Die 19-Jährige aus Jemen möchte einmal Ärztin werden. Ein Jahr lang hat sie schon in ihrer Heimat studiert, mehrere Brüder sind schon Doktoren. Ein paar Plätze weiter sitzt Dana Rajeh aus Syrien. Die junge Frau mit dem bunten Kopftuch lebt mit fünf weiteren Familienmitgliedern in Gettorf. Zum Glück fängt der Unterricht erst gegen Mittag an, so hat sie gut Zeit, um nach Kiel zu kommen. Von Montag bis Donnerstag lernen die 20 Teilnehmer nun die Tücken und Raffinessen der deutschen Sprache. „Ich trinke Kaffee“, sagt Dana Rajeh und lacht. Kurze Sätze kann sie schon. „Die Syrer haben besondere Probleme“, sagt Lehrerin Yoon Hübner. „In ihrer Sprache gibt es nur drei Vokale.“

Yoon Hübner stammt selbst aus Südkorea. Im dritten Jahr leitet sie einen B1-Zertifikats-Kursus, und die Schüler hängen an ihren Lippen. An den Worten „süß“ und „lecker“ beißen sie sich gerade die Zähne aus. Wieso kann auch ein Mädchen süß sein? Und warum lässt sich das Verb „sein“ eigentlich so schwer deklinieren? Große Plakate an den Wänden geben ein wenig Hilfe im Sprachen-Dschungel. Aber bis Dezember, wenn die Prüfungen sind, ist ja noch ein wenig Zeit. Leise verlassen wir das Klassenzimmer.

„Das Bundesamt für Migranten und Flüchtlinge unterstützt nur den Unterricht für Geflüchtete ohne Anerkennung oder ohne Aufenthaltserlaubnis aus Syrien, dem Irak, dem Iran und Eritrea“, bedauert Idun Hübner. „Diese Zweiklassen-Gesellschaft wollen wir nicht.“ In der ZBBS werden deshalb auch Geflüchtete beispielsweise aus dem Jemen unterrichtet – dann nur eben bezahlt von Spendengeldern. Hübner ist deshalb doppelt und dreifach froh über die Spende der Kieler Nachrichten. „Die Flüchtlinge wollen ein Teil Deutschlands sein. Aber erst wenn man die Sprache spricht, ist man richtig angekommen.“

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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