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Gassenhauer und Gänsehaut

KVAG-Chor Gassenhauer und Gänsehaut

Das Rattern der Kieler Straßenbahnen ist vor 30 Jahren verstummt. Doch ein – zudem sehr wohlklingendes – Überbleibsel aus der Zeit des innerstädtischen Bahnbetriebes erfreut sich vollen Lebens: Der Gesangverein der Kieler Verkehrs-AG von 1930 e.V. (KVAG-Chor) feiert seinen 85. Geburtstag.

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Mit einem Jubiläumskonzert mit Bezirkssängertreffen feiert der Kieler KVAG-Chor seinen 85. Geburtstag.

Quelle: Christoph Jürgensen

Kiel. Am Sonnabend, 10. Oktober, lädt der Chor zum Jubiläumskonzert mit Bezirkssängertreffen in die Bugenhagenkirche ein.

Was stimmlich heute von den Damen dominiert wird, war anfangs reine Männersache. Mitten in der Weltwirtschaftskrise, als auch in Kiel das politische Gezerre zwischen Links und Rechts zunehmend den Alltag und die Straßen beherrschte, taten sich 30 Mitarbeiter der Allgemeinen Lokalbahn und Kraftwerke AG zusammen, um sich in der Freizeit dem Gesang zu widmen, ganz friedlich und unpolitisch. Die Leitung übernahm ein Gaardener Lehrer mit Namen Hartmann. Schon bald mussten die Sänger erkennen, dass ihrer musikalischen Freiheit durchaus Grenzen gesetzt waren. Spätestens ab 1933 war so manches fröhliche Liedchen auf den Lippen verboten: Dem KVAG-Chor wurde in der NS-Zeit vorgeschrieben, was er singen durfte und was nicht.

Der Zweite Weltkrieg fügte dann nicht nur den Verkehrsbetrieben selbst erhebliche Verluste zu. Auch der KVAG-Chor verlor so manches stimmstarke Mitglied, an Proben war zeitweise nicht zu denken. Doch schon kurz nach Kriegsende, im Juli 1945, wurde der Kieler Schienenverkehr wieder aufgenommen, das Streckennetz wurde repariert und ausgebaut. Auch der KVAG-Chor war bald wieder zu hören. Er begann nun Kontakte zu anderen Chören zu knüpfen, über die Stadt- und Landesgrenzen hinweg bis ins Ausland. Und er schloss sich dem Sängerbund der Dienstleistungsbetriebe an, dessen Mitgliedsvereine seit 1950 zu regelmäßigen Bundessängertreffen und Bezirkssängertreffen zusammenkommen.

Heute ist die strikte Bindung zwischen Chor und den Verkehrsbetrieben längst gelöst. Unter den rund 60 KVAG-Chor-Sängern ist nur noch ein „amtierender“ Busfahrer. Seit Anfang des Jahres leitet der freiberufliche Musiker Peter Hinze den Chor. Er ist mit 45 Lebensjahren das „Küken“ des Gesangvereins und hat jede Menge frischen Wind mitgebracht, sowohl was die musikalische Arbeit als auch das Repertoire anbelangt. Die Chormitglieder bezieht er in die Auswahl der Lieder ein und schreibt einen Großteil der Sätze selbst.

„Die Mischung macht’s“, findet Sabine Mackrodt. „Wir haben ein ganz breites Spektrum.“ Dieses reicht von Volksliedern über Gospel und Shantys bis hin zu den allseits bekannten Gassenhauern der Comedian Harmonists. Und mit dem Gefangenenchor aus Verdis Nabucco sorgt das Gesangsensemble für Gänsehaut. „Das Tolle an diesem Chor ist, dass die Sängerinnen und Sänger bereit sind, sich immer wieder neu zu erfinden“, sagt Chorleiter Hinze. „Wir singen einfach aus Freude, und das wollen wir bei unseren Auftritten rüberbringen“, erklärt Gretel Kammerer, bis vor 15 Jahren erste und einzige Verkehrsmeisterin Schleswig-Holsteins.

Was den KVAG-Chor auszeichnet, ist der Zusammenhalt weit über die wöchentlichen Probenabende hinaus. Es gibt gemeinsame Ausflüge, Gartenfeste oder Weihnachtsfeiern. Einmal im Monat trifft man sich zum Klönschnack. Die Verbindung zu den nicht mehr Aktiven wird gehalten. Das alles passt zu Peter Hinzes Auffassung von Chorarbeit: Ihm ist die Harmonie besonders wichtig – gesanglich und menschlich.

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