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Es hapert an der Streckeneinweisung

KVG-Irrfahrten Es hapert an der Streckeneinweisung

Nach unserer Berichterstattung über die Irrfahrten der KVG kritisiert die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, dass Busfahrer viel zu schlecht in Streckenverläufe eingewiesen werden.

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Dreimal hat Marianne Rump schon erlebt, dass sich der Bus der Linie 902 S auf dem Weg in die Kieler Innenstadt verfahren hat.

Quelle: Frank Peter

Kiel. „Wir kennen viele solcher Berichte, die sich in letzter Zeit sogar häufen“, erklärt der Verdi-Landesfachbereichsleiter Verkehr, Gerhard Mette, auf Nachfrage. Grund dafür sei aber nicht die unzureichende Ausbildung der Fahrer. „Das Problem liegt vielmehr darin, dass die Verkehrsunternehmen aus Kostengründen keine ausreichende Streckeneinweisung vornehmen.“

 Als Grund dafür führt der Gewerkschafter ein Umsteuern der Unternehmen beim Personaleinsatz an. Wurden Fahrer früher vorwiegend auf nur einer Linie eingesetzt, deren Streckenverlauf sie im Laufe der Jahre gut kannten, müssten sie nun alle Routen gleichermaßen bedienen können. Ein solcher flexibler Personaleinsatz erspare den Unternehmen zwar viel Geld, weil damit weniger Fahrer benötigt würden.

 Diese Einsparung dürfe jedoch nicht zu Lasten der Mitarbeiter erfolgen. Sie hätten laut Gewerkschafter ein Anrecht auf eine intensive Einweisung zu allen Strecken, auf denen sie eingesetzt werden. „Genau das geschieht bei vielen Unternehmen aber nicht – auf Kosten der Fahrer und nicht zuletzt der Verkehrssicherheit.“

 Denn die Aufklärung über die Besonderheiten der vielen Strecken wie Baustellen oder Verengungen sei aufwendig, zeitraubend und damit kostspielig. Die Unwissenheit mancher Busfahrer hat Mette als Fahrgast selber auch schon zu spüren bekommen: „Es kam schon vor, dass sie mir noch nicht einmal sagen konnten, welchen Fahrpreis ich für eine bestimmte Strecke zahlen sollte.“

Ausbildung nicht verschlechtert

 An einer grundsätzlichen Verschlechterung der Ausbildung von Fahrern liege das aber nicht. Im Gegenteil. Sie habe sich inzwischen sogar deutlich verbessert. Grund dafür sei eine im vergangenen Jahr in Kraft getretene EU-Verordnung, die sogenannte Berufskraftfahrer-Qualifizierungsrichtlinie. Sie enthalte sogar die Verpflichtung zu Fortbildungen, die Fahrer jedes Jahr absolvieren müssten. Eine solche Richtlinie allein löse aber nicht das Problem mangelnder Kenntnisse über Streckenverläufe.

 Die KVG räumt ein, dass ihre Fahrer keine „Stammlinien“ mehr haben – seit Jahrzehnten schon nicht mehr. „Jeder Fahrer kann auf jeder Linie eingesetzt werden“, sagt Pressesprecherin Andrea Kobarg. Für Neulinge heißt das also, dass sie das gesamte Liniennetz innerhalb kürzester Zeit verinnerlichen müssen. Wie lange sie die Fahrtrouten zunächst theoretisch pauken und wie viele Tage den neuen Fahrern dann ein erfahrener Kollege zur Seite gestellt wird, der sie durch die Stadt lotst, konnte die KVG gestern nicht mitteilen. Auf Facebook berichtet Christina Rose davon, dass ein Fahrer vor zwei Wochen erstmals auf der Linie 34 eingesetzt worden und jetzt seit einer Woche auf sich allein gestellt sei.

 Genauso wenig, wie ein Fahrer eine „eigene Linie“ hat, verfügt er übrigens über einen „eigenen Bus“: Wenn ein Fahrer frühmorgens zum Betriebshof komme, nehme er sich den Bus, der in der Halle zuvorderst stehe, erläutert Kobarg. Diesen Bus fährt er in der Regel auch nicht den ganzen Tag – sondern nur bis zu seiner ersten längeren Pause. Dann übernimmt ihn ein anderer Fahrer. „Viele Fahrgäste haben sicher schon einmal miterlebt, wie ein Fahrer einen Kollegen ablöst“, sagt Kobarg.

 Außerdem werden sowohl die Busse als auch die Fahrer den Tag über auf verschiedenen Linien eingesetzt. Facebook-User Piotr Schuff, seines Zeichens Busfahrer, ist nach eigener Aussage auf bis zu vier verschiedenen Linien in einer Schicht unterwegs. „Da kann es passieren, dass man sich verfährt“, schreibt er. „Jeder Nörgler sollte sich mal ans Steuer von einem Gelenkbus setzen und selbst schauen, dass es kein Zuckerschlecken ist.“

 Für viele der neuen Busfahrer ist auch ihr extralanges Fahrzeug noch eine recht neue Erfahrung. Denn anders als in der Vergangenheit besitzen nur noch wenige Bewerber schon einen Bus-Führerschein. „Das hat sich geändert, nachdem die Wehrpflicht ausgesetzt wurde“, erläutert Kobarg. Zuvor hätten viele Männer und Frauen diese Qualifikation beim Bund erworben. Letztlich muss die KVG bei jedem Bewerber überlegen, ob sie in seine Ausbildung investiert. Schließlich besteht die Gefahr, dass jemand seine Ausbildung abbricht oder aber mit dem „geschenkten“ Führerschein auf eine andere Stelle, etwa im Speditionsgewerbe, wechselt.

 Von Jürgen Küppers und Thomas Paterjey

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Irrfahrten mit Bus
Foto: Eher ungewöhnlich, dass Fahrgäste eine Straßenkarte dabei haben: Marianne Rump geht nach ihren Erlebnissen auf Nummer sicher.

Als Marianne Rump (61) bei uns in der Redaktion anrief, war der erste Gedanke: Das gibt’s doch gar nicht. Die Altenholzerin erzählte von ihren drei Irrfahrten mit einem normalen Linienbus innerhalb kürzester Zeit. Eine Nachfrage bei der Kieler Verkehrsgesellschaft ergab jedoch, dass die Busfahrer tatsächlich auf Abwege geraten waren.

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