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Kampf gegen das Desinteresse

Oberbürgermeisterwahl in Kiel Kampf gegen das Desinteresse

Ein kalter Wind bläst den beiden Oberbürgermeister-Kandidaten eine Woche vor der Stichwahl entgegen. Das liegt nicht nur an der Wetterlage. Viele Bürger zeigen Susanne Gaschke (SPD) und Gert Meyer (CDU) die kalte Schulter. „Kenne ich beide nicht. Ehe ich was Falsches wähle, wähle ich lieber gar nicht“, sagt eine Frau, umgeht bewusst die Chance, das zu ändern – und steht damit nicht allein.

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Harte Tour vor dem Holstein-Spiel: CDU-Kandidat Gert Meyer wird nur wenige Flyer los. Zeit für Politik? Fehlanzeige. Viele Fußballfans kommen allerdings auch nicht aus Kiel.

Quelle: Paesler

Kiel. Gegen Desinteresse und die Wahlmüdigkeit kämpfen die Oberbürgermeister-Kandidaten von Kiel, Susanne Gaschke (SPD) und Gert Meyer (CDU), dieser Tage an. Am Sonntag ist schließlich Stichwahl in Kiel.

  8.00 Uhr, Olshausenstraße: Auf die Minute genau ist der CDU-Kandidat da. Um halb sieben ist er aufgestanden. „Ist doch kommod. Als Projektmanager in Hamburg bin ich immer um vier hoch“, sagt er fröhlich, nimmt vor der Bäckerei seine neuen Flyer in die Hand und steuert auf die ersten Passanten zu. „Guten Morgen, ich bin ihr Oberbürgermeisterkandidat. Ich…“ Weiter kommt Meyer meist nicht. Einige nehmen im Vorbeigehen gnädig den Flyer mit, andere steuern stur auf die Theke mit den duftenden Brötchen zu. „Ich habe nicht gewählt, hab ich verschwitzt“, ruft eine ältere Frau über die Schulter. „Dann machen Sie sich den neuen Termin doch an Ihre Pinnwand“, rät Meyer und trägt ihr den Flyer hinterher. Die Frau schaut ratlos auf das Papier. Zwei Männer um die 40 outen sich zumindest als CDU-Anhänger. Ein anderer Mann wehrt ab: „Ich wähl Obama.“

 9.27 Uhr, Charles-Ross-Ring: Gert Meyer hat in Projensdorf Stellung bezogen. Inzwischen sind die Hände eiskalt. „Handschuhe und Stirnband wären schön“, sagt der passionierte Radfahrer, verzichtet aber bewusst darauf. „Wäre unhöflich gegenüber den Gesprächspartnern.“ Ob sie das zu schätzen wissen? Unverdrossen spricht der 41-Jährige jeden an, der vorbeigeht. Doch nur wenige sind – wie Claus Thiele über die Notwendigkeit des Sparens – zum Gespräch bereit. Allerdings: der 75-Jährige kennt Meyer bereits. „Man ist in Insiderkreisen bekannt, aber nicht in der breiten Bevölkerung“, sagt der Ex-Kämmerer. Es klingt nüchtern. Ohne Larmoyanz.

  9.56 Uhr, Doktor-Hell-Straße: Auch Susanne Gaschke beginnt ihre Tour durch die Stadtteile. Vor dem Supermarkt wird sie sofort von zwölf Genossen umringt und verteilt die Aufgaben: Den Aufruf der früheren SPD-Oberbürgermeister Günther Bantzer, Karl-Heinz Luckhardt und Norbert Gansel, Susanne Gaschke zu wählen, sollen sie verteilen. „Das weiß ja noch keiner. Und ihr müsst auf die Veranstaltung zur Wohnungsnot hinweisen.“ Die 45-Jährige selbst spricht nicht jeden, sondern nur gezielt Passanten an, spart sich die Vorstellung, beginnt mit der politischen Botschaft. „Thema neue Wohnungsnot am Dienstag um 19 Uhr in der Räucherei“, sagt sie zu einem Mann, der kaum zu den Betuchten zählt. „Ich habe ja noch eine Wohnung“, sagt er unschlüssig. Gaschke setzt nach, der Mann nickt: „Ja, das Thema ist wichtig.“ Ob er weiß, mit wem er gesprochen hat? „Na, das war wohl jemand von der SPD“, sagt er später. Ob er zur Wahl geht? Er antwortet mit einer Gegenfrage: „Wann ist die denn?“

  10.55 Uhr, Vinetaplatz. Während Gert Meyer an seiner Wahlkampfstation am Südfriedhof die Flyer wieder zusammenpackt, wechselt Susanne Gaschke nach Gaarden. Hier sind die Menschen sehr offen für ein Gespräch, aber es gibt oft sprachliche Hürden. Der Genosse Birol Yasar muss immer wieder dolmetschen. Ob man zur Wahl geht, heißt seine Standardfrage. „Nein, was soll ich da?“, die häufige Antwort. Dass viele hier mit der SPD sympathisieren, ist offensichtlich. Aber zur Wahl sind nicht mal 18 Prozent gegangen. Immerhin gibt es sie hier, die politischen Gespräche: Ein Schlosser fürchtet, dass Gaarden von Spekulanten entdeckt wird. „Wir haben hier kurze Wege, es ist grün und lebendig. Wenn erst mal teuer saniert wird wie in Hamburg oder Berlin, werden wir verdrängt.“ Das ist Gaschkes Terrain: „Das Erste, was ich als OB mache, ist ein Runder Tisch für sozialen und studentischen Wohnraum“, sagt die ehemalige Wohnraumreferentin des AStA. „Wir werden da als Stadt selbst etwas machen müssen.“

  12.25 Uhr, Exer: Während die SPD-Frau auf der Holtenauer Straße steht, verabschiedet sich der CDU-Mann von seinen Mitstreitern am Exer. Immerhin: Eine Frau, seit langem SPD-Mitglied, hat er ins Grübeln gebracht. „Sie sind mir einfach sympathisch“, sagt sie nach längerem Gespräch. Ein Grünen-Wähler hat ihn hingegen abblitzen lassen: Er könne keinen Kandidaten wählen, bleibe am 11. November zu Hause. Meyer bleibt freundlich, ist aber enttäuscht: Er setzt auf grüne Wechselwähler – auch wenn die offizielle Wahlempfehlung der Grünen „SPD“ heißt. Kurz darauf steht Gert Meyer vor dem Holstein-Stadion, wird von Angelika Volquartz unterstützt. Doch die meisten wollen schnell ins Stadion. „Haben Sie überhaupt eine Chance“, fragt einer. „Ich hatte nur 3000 Stimmen weniger, kein unaufholbarer Abstand“, pariert Meyer.

 13.20 Uhr, Holstenstraße: Susanne Gaschke ist an der letzten Wahlkampfstation dieses Tages angekommen. Die Redakteurin verteilt Erkältungsbäder an das Team, das seit Stunden im eisigen Wind für sie die Werbetrommel rührt. Dann freut sie sich selbst auf ein heißes Bad. Gert Meyer sieht sich noch an, wie Holstein 4:1 gegen Meppen gewinnt. Dann ist auch für ihn Aufwärmen angesagt – mit heißem Kaffee und bei einer Spielrunde mit Sohn Justus.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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