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90 Jahre immer am Ball geblieben

Kiel 90 Jahre immer am Ball geblieben

Wenn am Freitag in Kiel die Sektkorken knallen, werden zwei Brüder auf ihren 90. Geburtstag anstoßen: Hans-Hermann und Ernst-Friedrich Willrodt. Letzterer ist besser als „Fiete“ bekannt und trainierte in den 60er Jahren den VfB Kiel. Zweimal führte er den Fußballverein zur Meisterschaft in der Bezirksliga und 1966 in die Landesliga.

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Die Zwillinge Hans-Hermann (links) und Ernst-Friedrich Willrodt feiern heute ihren 90. Geburtstag.

Quelle: Jens Rönnau

Kiel. Aber weil die beiden schon seit ihrer Kindheit fast alles zusammen machten – obwohl sie zweieiige Zwillinge sind –, war Bruder Hans auf dem Spielfeld meistens dabei. Am 12. Juni 1925 wurden sie in Wellsee geboren – Hans kam als „Nachgeburt“, weil die Hebamme nicht bemerkt hatte, dass da noch einer mitgewachsen war. Ihre Eltern: der Postbeamte Heinrich-Ludwig Willrodt und die Weißnäherin Herta Willrodt. Schon ein Jahr später zog die junge Familie in die Stormarnstraße nach Hassee, die damals noch so wenig Verkehr hatte, dass die Kinder dort sogar Schneemänner auf der Straße bauen konnten.

 Vor allem aber zog es die beiden unzertrennlichen Jungs auf die nahegelegenen Moorteichwiesen, wo sie oft Fußball spielten. Schon mit sieben Jahren wurden sie Spieler beim VfB Kiel – und lehrten ihre Gegner als eingespielte Flügelzange das Fürchten. Als sie ein paar Jahre älter waren, verdienten sie sich ihr Taschengeld durch das Austragen der Kieler Neuesten Nachrichten rund um die Alte Lübecker Chaussee – und trainierten ihre Beine beim Treppenlaufen, dass selbst ihr Sportlehrer sich wunderte: „Mein Gott, was habt ihr für Muskeln!“

 „Wir hatten eine Bombenmannschaft“, erinnert sich Hans Willrodt und fügt im selben Atemzug hinzu: „Für die Nazis haben wir ja leider auch gespielt: Wenn wir Fußball spielen wollten, mussten wir in der HJ sein.“ Während er 1939 eine Lehre bei der Bahn begann, fing sein Bruder Fiete bei der „Land- und Seeleichtbau GmbH“ in Russee an, die unter anderem Flugzeugteile für Heinkel produzierte. 1943 wurden die Brüder zu einem letzten Fußballspiel in Stralsund vom „Reichsarbeitsdienst“ freigestellt, dann musste Hans an die russische Front. Fiete war 1942 wegen einer schweren Sportverletzung seiner Hand bei einem Spiel gegen Ellerbek „kriegsuntauglich“ und gelangte als Aufseher in ein deutsches Kriegsgefangenenlager für russische Soldaten nach Norwegen. „Die hatten ja gesagt, das seien keine Menschen – aber das waren gute Leute“, erinnert sich Fiete. Umgekehrt gelangte Hans in russische Gefangenschaft, wurde bei Moskau in einem Bergwerk verschüttet, baute erstaunlicherweise zu einer seiner Aufseherinnen ein so gutes Verhältnis auf, dass diese ihn und einen Mitgefangenen per U-Bahn mitnahm ins Lenin-Mausoleum.

 Nach dem Krieg entkam Hans dem Gefangenenlager durch Flucht, während Fiete zunächst ins Entnazifizierungslager nach Schönberg musste – und dort sofort wieder mit dem Kicken begann. Später beteiligte er sich an der Beseitigung der Bombenkrater auf der Waldwiese. Im Vereinslokal „Süd-Kiel“ beeindruckte er die Kellnerin Renate so sehr, dass sie 1958 heirateten, zwei Kinder bekamen und noch heute zusammen leben. Hans lernte seine Frau Ilse beim Tanzen kennen, mit der er drei Kinder bekam. Sie starb vor wenigen Jahren. Und während er nun als Bahnbeamter nur noch gelegentlich mit seinem Bruder Fußball spielte, baute Fiete als Trainer den VfB Kiel auf, später den TuS Holtenau und den Postsportverein Kiel, weil er Postbote in Gaarden geworden war.

 Schließlich kamen die Zwillinge wieder als „Altherren-Mannschaft“ auf dem Waldwiesenplatz oder in Holtenau zusammen. Oft hatten sie einen prominenten Mitspieler, der sonst den Ball lieber in die Hände nahm: Hein Dahlinger, das berühmte Handball-As vom THW Kiel. Heute, im Alter von 90 Jahren, kicken die Zwillinge das runde Leder nicht mehr, auch wenn Fiete noch immer Ehrenmitglied des VfB ist. Und Hans, noch Mitglied im ETSV Eintracht Kiel, gibt noch ein Geheimnis seiner jugendlichen Frische preis: „Wie Uwe Seeler jeden Morgen mit eiskaltem Wasser waschen, danach fünf Tibeter und gymnastische Übungen.“

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