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Das Ende einer Kameradschaft

Kiel Das Ende einer Kameradschaft

Mit ihren markanten weißen Uniformen waren sie eine Bereicherung für jeden Umzug, so manch gesellig-fröhlicher Abend ist Legende, und ganz gut schießen konnten sie auch.

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Kemur-Vorsitzender Wulf Hildebrandt (rechts) und Schützenhauptmann Kurt Jensen marschierten voran beim Schützenfest 2012. Schon damals gab es ein ungutes Omen: Es mochte sich kein König finden.

Quelle: Martin Geist

Kiel. Doch mit alldem ist für die Männer der Kameradschaft ehemaliger Mittel- und Realschüler (Kemur) bald Feierabend. Am Dienstagabend beschlossen sie die Auflösung ihres Vereins.

 Wenn beim Stiftungsfest kaum noch getanzt wird, wenn sich nach dem Vogelschießen partout kein König finden mag und immer weniger Mannen bei den Umzügen durchhalten, dann sind das untrügliche Zeichen dafür, dass ein Verein die besten Zeiten hinter sich hat. „Wir haben monatelang darüber diskutiert, aber es führt kein Weg daran vorbei“, bestätigt dies Kemur-Vorsitzender Wulf Hildebrandt. Gerade noch 38 Mitglieder zählt der 1893 gegründete Ehemaligenverein der 1., 2. und 4. Kieler Mittelschule, wirklich aktiv sind höchstens zehn bis zwölf von ihnen.

 „Das ist wirklich nicht lustig“, seufzt Werner Menzel, der noch die Zeiten erlebt hat, als es eine nicht selbstverständliche Ehre war, bei der Kemur dabei sein zu dürfen. 1954 trat er ein in die Kemur, bei der das Schießen als Vereinsbetätigung erst im Jahr 1931 eingeführt wurde. Sehr zurückhaltend gaben sich die Altvorderen auch noch zu Menzels Zeiten, ehe sie jemanden in den erlauchten Kreis der Schützen aufnahmen. „30 Jahre haben die mich warten lassen“, erzählt der Kemur-Veteran, bei dessen Eintritt noch etwa 250 Mitglieder dazugehörten. Selbst ums Jahr 2008/09 waren es immer noch 100, doch seither forderte das hohe Durchschnittsalter immer mehr seinen Tribut. „Wir werden kleingestorben“, seufzt ein traurig dreinschauender Kemur-Mann.

 „Es ist wirklich traurig“, sagt auch Nico Schwiemann, Vorsitzender des Kreisschützenverbands Kiel. Das Ende der Kemur bezeichnet er zwar – noch – als Einzelfall, aber richtig ist aus seiner Sicht auch, „dass wir alle zu kämpfen haben“. Überall fehlt es an Nachwuchs, altgediente Kameraden sterben weg, binnen 15 Jahren hat sich die Zahl der Schützen im Kreisverband von etwa 2000 auf 1400 reduziert.

 Dass der Trend in ganz Deutschland so ähnlich läuft, tröstet einen engagierten Schützen wie Schwiemann nur bedingt. Immer schwieriger wird es nach seiner Erfahrung, Menschen für einen Sport mit Waffen zu gewinnen, in den Schulen reagiere man „reserviert“ auf Angebote, Schießsport im Freizeitbereich anzubieten. Und überhaupt winken laut Schwiemann viele Jugendliche schon deshalb ab, weil Schießen wenig Action bietet, aber viel Konzentration erfordert.

 Auch die Männer der Kemur haben so ihre Vermutungen über die Gründe des Niedergangs. Früher, so erzählen sie, waren zahlreiche Kameraden glücklich, wenn sie ihren Skat dreschen konnten oder „mal weg von Muddern waren“. Dann kamen die Autos, an jeder Ecke neue Freizeitangebote, schließlich die Computer.

 Und jetzt kommt das Aus. Zumindest bei der Kemur. 13 von 14 Mittelschülern stimmten am Dienstagabend für die Auflösung, die nun von Kurt Reimers, Werner Menzel und Wulf Hildebrandt organisatorisch vollzogen wird. Zunächst steht ein Termin beim Notar an, dann wird die Auflösung ans Vereinsregister des Amtsgerichts gemeldet. Danach läuft eine einjährige Frist, innerhalb der die Kemur ausstehende Forderungen eintreiben kann oder auch andere Stellen Forderungen gegen den Verein erheben können. Abgesehen von ein paar Gewehren, so viel ist klar, wird die Kemur kaum etwas zu Geld machen können. Geld, das dann gemäß Satzung für einen gemeinnützigen Zweck gespendet werden muss.

 Wulf Hildebrandt rechnet damit, dass die Kemur Ende 2016 wirklich Geschichte sein wird. Bis dahin will man sich weiter treffen, auch zu den Schießabenden. Und man will die Zeit vor allem nutzen, um sich bei den ausstehenden Schützenfesten von den anderen Gilden anständig zu verabschieden. Tradition verpflichtet eben bis zum Schluss.

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