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Ruf des Muezzin bleibt nicht ohne Echo

Gaarden Ruf des Muezzin bleibt nicht ohne Echo

Abdurrahman Latifoglu (37) ist Imam der Moscheegemeinde Ulu Camii in Gaarden. Als Muezzin ist er jetzt nicht mehr zu überhören, wenn er jeden Mittag vom Minarett in der Elisabethstraße die Muslime zu ihren rituellen Pflichtgebeten ruft.

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Täglich zur Mittagszeit ruft der Muezzin die Muslime vom neuen Minarett in der Gaardener Elisabethstraße zum Gebet.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Im Stadtteil wurde bisher keine Kritik dazu bekannt, wohl aber ist jetzt die Haltung der AfD offenkundig: „Das Minarett lehnt die AfD als islamisches Herrschaftssymbol ebenso ab wie den Muezzinruf“, heißt es im Grundsatzbeschluss vom Parteitag am Wochenende in Stuttgart. „Diese Symbole machen die Expansion des Islams sehr deutlich“, erklärt Matthias Niemeyer vom Vorstand der Landespartei, die sich ausdrücklich gegen das neue Minarett in Gaarden ausspricht.

Die Partei kritisiert vor allem, dass Imame wie Latifoglu vom türkischen Staat ausgebildet und finanziert werden. „Von aus dem islamischen Ausland entsandten Imamen geht die Gefahr rechts- und verfassungswidriger Indoktrination der Moscheebesucher aus“, heißt es in dem AfD-Beschluss. Die AfD-Vorstandsmitglieder Niemeyer und Volker Schnurrbusch misstrauen der „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion“ (Ditib, siehe Infostück). Murat Kayman vom Bundesverband Ditib in Köln weist die Kritik zurück. Die Unterstützung durch die Regierung in Ankara sei historisch begründet, erläutert er. Kayman findet den Unterton in der Diskussion befremdlich: „Jetzt heißt es plötzlich: Oh Gott, wie können fast 1000 vom türkischen Staat bezahlte Imame in Deutschland arbeiten?“ Dabei sei das Vorgehen seit Jahrzehnten transparent und durch eine Vereinbarung zwischen Deutschland und der Türkei geregelt. Der Ursprung liege in der Zeit, als immer mehr Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland kamen und die „Hinterhofmoscheen mit Laienpredigern“ nicht mehr ausreichten, um das religiöse Leben in den türkischen Gemeinschaften zu regeln. „Man hat jemanden gebraucht, der die Rolle des Vorbeters, aber auch seelsorgerische Aufgaben übernimmt, und der ganz praktisch die religiösen Feste oder das Fasten anleitet.“ Die Türken in Deutschland hätten sich daher in dem Verband Ditib organisiert und an Behörden in ihrem Heimatland gewandt, denen traditionell die Ausbildung der Imame obliege.

Inzwischen allerdings hätten sich die Bedürfnisse in den Gemeinden geändert. Das sieht Kayman genauso wie der Kieler Bekir Yalim vom Vorstand des Moscheevereins in Gaarden, der vor anderthalb Wochen sein neues Minarett eingeweiht hatte. „Viele Kinder in unserer Gemeinde sprechen inzwischen besser Deutsch als Türkisch. Daher wäre es schön, wenn die Imame auch besser Deutsch sprechen könnten.“ Dem Imam in seiner Gemeinde, Latifoglu, fällt es in der Tat schwer, sich auf Deutsch zu verständigen. Für ihn steht aber fest: „Es ist nicht wichtig, aus welchem Land wir kommen, sondern was wir machen und was wir vermitteln.“ Aus seiner Sicht sei es gut, dass er aus der Türkei komme, weil er dort gelernt habe, den Islam so zu leben, wie er ist: „Islam heißt Frieden“, das sage alles. Seit 2012 ist Latifoglu in Gaarden und wird im Jahr 2017 zurück in die Türkei gehen, wie es immer der Fall ist, denn der Aufenthaltsstatus der Imame ist laut Ditib auf fünf Jahre begrenzt. Um das Sprachproblem zu lösen, werden inzwischen neue Wege beschritten: Seit sechs Jahren bildet die Türkei türkischstämmige Gymnasiasten aus Deutschland aus, die nach dem Studium als Imame wieder in hiesige Gemeinden zurückkehren könnten. Auch das Studium der islamischen Theologie in Deutschland würde demnächst als Ausbildung akzeptiert.

Yalim findet in jedem Fall die Unterstützung durch Ditib und den türkischen Staat unerlässlich: „Der Imam wird bezahlt und damit diese finanzielle Last unserer Gemeinde abgenommen. Außerdem macht er gute und wichtige Arbeit.“ Sein langjähriger Weggefährte Klaus Onnasch, pensionierter Pastor und Gründer des interreligiösen Arbeitskreises in Kiel, bestätigt: „Ich arbeite seit 1993 eng mit Imamen der Ditib zusammen. Die sind wirklich auf einem hohen theologischen Niveau ausgebildet, und ich habe nur gute Erfahrungen mit ihnen gemacht.“

Ditib: Größter Muslimverband in Deutschland

Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) ist mit 880 Moscheegemeinden in Deutschland der hierzulande größte Muslimverband und kooperiert mit dem türkischen Staat, insbesondere mit der Religionsbehörde Diyanet. Bereits seit 1984 werden in türkischen Universitäten ausgebildete islamische Theologen für je fünf Jahre nach Deutschland geschickt, um in den Moscheegemeinden die Arbeit als Imame zu übernehmen. Koordination und Schulung laufen über Ditib.

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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