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„Maro Temm“. Das bedeutet so viel wie „Unser Land“ und trifft für die so benannte Sinti-Siedlung in der Diedrichstraße absolut zu. Seit 2007 leben dort in genossenschaftlich errichteten Reihenhäusern 13 Familien sowie einige weitere Familien in angrenzenden Gebäuden.

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Der Lernbus wurde beim Herbstfest zum Schminkbus. Vicky Brühl, die zehnjährige Josefina, Olga Schmidt und die neunjährige Saphira (von links) haben Freude mit den Farben.

Quelle: Martin Geist

Kiel. Einblicke gewähren die Sinti in der Regel gern, nur selten jedoch kommen Interessierte vorbei und nehmen dies in Anspruch.

 Nicht zuletzt das ist der Grund dafür, dass auf dem Areal am Ende der Diedrichstraße einmal im Jahr öffentlich gefeiert wird. Gewöhnlich geschieht das im Sommer, diesmal wurde ein Herbstfest daraus. „Hier können wir unsere Kultur leben.“ Matthäus Weiß ist glücklich in und mit „Maro Temm“. Vielleicht sogar bundesweit einmalig ist dieses Wohnprojekt, das etwa 150 Menschen Heimat und Perspektive bietet, sie mit der Mehrheitsgesellschaft verbindet, ihnen aber doch Freiraum für ihre Eigenheiten lässt.

 Abends vor dem Haus zu musizieren, das geht in der Siedlung prima. Es gehört eben zur Kultur. „Anderswo gäbe es laufend Beschwerden“, sagt Weiß, der ebenso wie viele andere Leute von „Maro Temm“ exzellent Musik zu machen weiß. Musik ist mit die wichtigste Klammer der Sinti-Kultur, die wie jede Minderheitenkultur immer latent Gefahr läuft, sich im Sog des Mainstreams zu verwässern. „Bei uns passiert das nicht“, glaubt Weiß, der auch Vorsitzender des Landesverbandes der Sinti und Roma ist. Da sei die Musik davor und mehr noch Romanes, die Sprache, die jedes Kind von klein auf lernt.

 Was allerdings zur Folge hat, dass es zuweilen mit Deutsch hapert, wenn der Nachwuchs zur Schule kommt. Weiß gibt das zu, sieht aber positive Tendenzen. Jungs und Mädels, die zuvor einen Kindergarten besucht haben, kommen nach seiner Erfahrung in der Schule gewöhnlich gut zurecht. Und diese Quote ist im Steigen begriffen. Weiß schätzt, dass derzeit 50 bis 60 Prozent der Kleinen zum Kindergarten gehen. Es waren schon mal viel weniger. Dass es mit der Schule klappt, dazu trägt auch der „Lernbus“ bei, den der Landesverband seit einem Jahr in der Siedlung parkt. Jeden Nachmittag erhalten dort Kinder von pädagogischen Fachkräften Hausaufgabenhilfe. Und weil es dabei entspannt-spielerisch hergeht, kommen auch Kinder aus anderen Familien und Stadtteilen.

 Vielleicht haben solche Bemühungen ihren Anteil daran, dass sich im Verhältnis der Mehrheit zur Minderheit etwas geändert hat. „Die Vorurteile sind weniger geworden“, freut sich Matthäus Weiß, „aber ganz weg sind sie nicht“. Dieses Immer-noch-nicht-ganz-weg macht sich auch bemerkbar, wenn die Sinti ihre Siedlung und ihre Häuser zeigen. Oft sind Besucher dann ganz überrascht, wie ordentlich alles aussieht. Hätten sie diesen Menschen halt gar nicht zugetraut.

 Irgendwie scheint es jedenfalls, als hätten die Kieler Sinti ihren Platz im Leben und in der Stadt gefunden. Im Gegensatz zu den Roma, die aus Bulgarien und Rumänien zugereist sind und die eigentlich niemand haben will. „Die haben es schwerer als wir“, meint auch Matthäus Weiß. Und verschweigt nicht die „ganz andere Kultur“, die sich bei den Roma entwickelt hat, nachdem sie vor mehreren hundert Jahren nicht in Deutschland, sondern in Osteuropa gelandet waren. Mancher Sinto habe durchaus Probleme mit den Roma, obwohl man als Volk eines Ursprungs sei. Doch zugleich versichert Weiß gerade mit Blick auf jene Roma, die im Gaardener Kirchenweg und anderswo unter prekären Umständen leben: „Wir werden uns immer gegenseitig helfen.“

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