25 ° / 17 ° Gewitter

Navigation:
Duft von Gummibärchen

Kiel-Mettenhof Duft von Gummibärchen

Wie riecht eigentlich Betonwüste? Seit 50 Jahren prägt die Jugend den Kieler Planbezirk Mettenhof, Schleswig-Holsteins bevölkerungsreichsten Stadtteil. Und macht ordentlich Dampf. Ein etwas anderes Porträt.

Voriger Artikel
Sarah Connor kommt nach Kiel
Nächster Artikel
Seine Bilderwelt ist eine Kugel

Er lässt sich sein Mettenhof nicht mehr nehmen: Box-Nachwuchstalent Arton Krasniqi.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel-Mettenhof. Mettenhof riecht nach Autoabgasen

Vier Spuren Schnellstraße. Der Skandinaviendamm hält Mettenhof wie eine verkrampfte Hand zusammen. Der Stadtteil – in den frühen 1960er-Jahren am Reißbrett vorgedacht – hat sich in einigen Teilen fürs Miteinander als zu futuristisch herausgestellt. 3er BMWs dominieren die nordisch benannten Straßen und heizen oft nur so hindurch.

„Die Autos sollten endlich langsamer fahren“, sagt Adnan Ademi. Der 27-jährige Vater bolzt mit einem Fußball auf die graffiti-veredelte Rückseite der Halfpipe am Osloring. Davor gibt sein fünfjähriger Sohn Arlind den Torwart. „Wie wäre es mit Geschwindigkeitsbegrenzungen oder diesen Stoppern?“, schlägt er vor. Damit Arlind mit seinem schokoeisverschmierten Mund weiter grinsen kann. Denn es sei doch alles vorhanden, hier in Mettenhof, betont sein Vater.

Mettenhof riecht nach Haargel

Hier hängen sie ab, die Jungs mit dem harten Blick und dem harten Hairstyle – die dann doch jedem helfen, der sie etwas fragt. „Früher war es viel schlimmer“, sagt der 19-jährige Vedat Gülec, „mehr Kriminalität und so.“ Dann lacht er hämisch, seine Olaseku-(„Oben lang, Seiten kurz“)Frisur verliert an Halt und fällt ihm ins Gesicht: „Man hat eigentlich alles, was man braucht, hier in Mettenhof, außer ,H&M‘.“

Mit dem Bauabschluss des Gebäudekomplexes am Südende des Kurt-Schumacher-Platzes ist das wahrscheinlich größte Stadtteilzentrum Kiels ein Magnet für die Jugend und ein großer Treffpunkt für alle. „Die Leute sind hier offener als in anderen Stadtteilen“, sagt Usman Mazhar. Der 21-Jährige zuckt mit den Fitness-Studio-gestählten Schultern in seiner Lederjacke: „Du gehst auf die Leute zu und wirst nicht irgendwie weggedrängt oder so.“

Mettenhof riecht nach Safran und Anis

Aus der orientalischen Bäckerei „Hayat“, direkt am zentralen Kurt-Schumacher-Platz gelegen, steigt der Duft nach fernöstlichen Gewürzen. Und nach extra starkem Kaffee. „Coffee to go 1 Euro“, verheißt das Schild, und vielleicht ist es diese Kombination aus Preis und Verlockung, die viele Kunden anzieht – jedenfalls eher als eine Bäckerei-Filiale im Einkaufszentrum. Da will man aber vielleicht auch andere Kunden: „Äußerlich ist es zwar okay“, sagt Verkäufer Richard Fajt über Mettenhof. Aber an einigen Passanten stört er sich gewaltig. Was er meint? Vielleicht den strengen Geruch von Gerste und Hopfen.

Mettenhof riecht nach frisch geöffnetem Bier

Schon am Mittag: Es ist im Zentrum nicht zu überriechen. Einige versuchen, ihren Frust in Bier zu ertränken. 1708 von 19 554 Mettenhofern waren laut Angaben der Landeshauptstadt Kiel Ende März 2015 arbeitslos, ein Drittel bezieht Sozialleistungen. Nein, einen logischen Zusammenhang zwischen Arbeitslosenzahlen und Alkohol gibt es nicht. Einen statistischen? Vermutlich schon.

„Mettenhof ist Mettenhof“, sagt ein junger Mann in blauem Adidas-Trainingsanzug und fetter schwarzer Canada-Goose-Jacke. Das i-Phone 6 in der linken Hand, die Zigarette in der rechten, erzählt er von seinen Plänen: „Ich gehe bald nach Berlin.“ Seinen Namen will er lieber nicht verraten, wohl aber warum: „Da gibt es Arbeit, in ganz Schleswig-Holstein nicht. In Hamburg geht es erst los.“

Mettenhof riecht nach Beton

Beton riecht nicht? Und ob! Wenn die Mittagssonne auf den „Weißen Riesen“ knallt, Hochhaus und Wahrzeichen des Stadtteils, dann brutzeln und schwitzen unten die Mettenhofer. Nur in diesem Mittelpunkt ihres Viertels gibt es auf den großen Parkplätzen keine Möglichkeit, der Hitze zu entfliehen. Und wo dieser Beton herkommt, da riecht es auch.

Mettenhof riecht nach Schweiß

„Früher war hier mal ein Betonwerk“, sagt Sergey Baklan und wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn, als er aus dem Boxring steigt. Das Spanngestell aus Seilen hält nicht nur diesen Käfig zusammen, in dem sich die coolen Mettenhofer Jungs regelgerecht mit Fäusten schlagen. „Ratet mal, wo sie den alten Beton entsorgt haben“, fährt der 36-jährige Baklan fort: „Hier unten in der Erde. Es fließt nichts ab.“ Was blieb ihm da anderes übrig, als die Räumlichkeiten fürs Boxen herzurichten? Kein Schnickschnack, keine Wellnesszonen. „Für Boxen braucht man nicht viel“, sagt er. Die Ausdünstungen unzähliger Trainings- und Sparringseinheiten hängen in den Boxsäcken, die tief an Ketten von der Decke baumeln.

Hier, im letzten Raum des Jugendtreffs Kiste, an der Hofholzallee am Rande Mettenhofs, überrascht ein Boxring ganz und gar nicht. Der Sport mit den Handschuhen wird am ehesten mit sozialen Problembezirken in Verbindung gebracht. Das passt. „Boxen ist ein Sport, in den man fliehen kann“, sagt auch Arton Krasniqi, der seit zehn Jahren mit Sergey trainiert. Boxen sei für die richtigen Mettenhofer Jungs ideal: Disziplin lernen, Aggressionen verlieren, Stress abbauen. „Wenn Sergey mich nachts beim Spazierengehen mit dem Hund gesehen hat, hat er gefragt: Junge, was machst du noch hier? Geh‘ nach Hause“, erinnert sich das 23-Jährige Nachwuchstalent.

Mettenhof riecht nach Ruhm

Jetzt ist Arton Krasniqi in Mettenhof überall bekannt, wird von jedem im Jugendtreff mit einer schnellen brüderlichen Umarmung begrüßt. Er hat über 70 Kämpfe für Schleswig-Holstein bestritten, in der Bundesliga geboxt und gezeigt, was ein echter Mettenhofer aus sich machen kann. „Wenn ich hier laufen gehe, rufen mir die Leute nach: ,Maschine‘“, berichtet er stolz. Und er dankt seinem Vater und Sergey, dass er aus seiner Jugendzeit in Mettenhof mit „weißer Weste“ herausgekommen ist. Heute boxt er für den AC Einigkeit Elmshorn und studiert an der FH Kiel Ingenieurswissenschaften.

Aus Mettenhof haben es schon so einige geschafft, wie Karolla Bollow aufzählen kann. Sie leitet „Die Kiste“, die ein üppiges Angebot für Mettenhofs Jugend bereithält: vom Kochen über Ausflüge bis zur Bewerbungshilfe. Ihr Schwerpunkt aber ist Fußball. „Da gibt es Leute, die den Hype haben“, sagt sie, „hier in der Grütze.“ Sie erinnert an Laurynas Kulikas, jetzt beim VfL Bochum II unter Vertrag, und vor allem Sidney Sam von Schalke 04. In dessen Vita prangt bei Wikipedia als erster Verein: TuS Mettenhof. Und Karolla Bollow kennt schon den nächsten Mettenhofer Jungen, der es packen könnte: Alban Jashari, zurzeit in der Schleswig-Holstein-Liga beim TSV Bordesholm aktiv. In der Jugend dieses Stadtteils stecke eine unfassbare Energie.

Mettenhof riecht nach Gummibärchen

Klick und zisch… Dieses Geräusch verbindet in Mettenhof niemand mit einer Bierdose: Eindringlich aufdringlich ist der Geruch der Energy-Drinks, ähnlich der beliebten Gummibärchen. Schon im Bus, der Mettenhof mit der Innenstadt verbindet, wabert die Taurinfahne aus den letzten Reihen nach vorne. Im Zentrum posen Nurullah Kocu und Azad Kurdo selbstverständlich nur mit umgedrehtem Cap, mit Basketball und Getränkedose: „Mettenhof, unsere Gang, Mann“, sagt Azad Kocu stolz. „Es ist super hier – und es wird immer besser.“

Mettenhof riecht nach Natur und Landluft

Auch inmitten der Betonwüste gibt es Oasen, die Mettenhofer durchatmen lassen und ihnen so manche Ruhepause gönnen. Den Umbau des Areals um den Heidenberger Teich 2010 bis 2012 hat sich die Stadt 1,3 Millionen Euro kosten lassen. Das Kleinod in Grün beherbergt auch den Großteil der Mettenhofer Schulen: „Die Kinder finden hier einen Rückzugsort, den sie in der Familie oft nicht haben“, beschreibt Jasmin Hossain. Die 33-Jährige ist Lehrerin an der Leif-Eriksson-Gemeinschaftsschule, eine von drei Schulen am Bildungszentrum Mettenhof.

Und genau genommen fängt direkt hinter dem Heidenberger Teich das Holsteiner Land an: Güllegeruch ist in Mettenhof an manchen Tagen allgegenwärtig. Angebote wie der Kinder- und Jugendbauernhof der Awo oder der Hof Akkerboom sorgen für Ursprünglichkeit statt coolem Street-Style. Und als Sergey Baklan die Räume der „Kiste“, die mitten in einem kleinen Waldstück liegt, spät am Abend abschließt, nimmt er einen tiefen Zug Mettenhofer Landluft. „Ja, hier gibt es sehr viel Natur“, sagt der professionelle Boxcoach aus der Ukraine. „Das denkt man nicht, aber hier ist einfach alles: Wir sind der größte Stadtteil in Schleswig-Holstein. Wir sind die Größten.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Niklas Wieczorek
Lokalredaktion Kiel/SH

Events in Kiel

Veranstaltungen in Kiel
Aktuelle Termine, News, Infos.

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Anzeige
Mehr zum Artikel
Kiel-Mettenhof
Foto: Bunt sind nicht nur die T-Shirts der Kinder in der Ganztags-Grundschuie am Heidenberger Teich. Ebenso so groß ist auch die Vielfalt der Kulturen. Aus 25 Nationen stammen die Schüler, die nicht nur aus Mettenhof, sondern auch aus anderen Stadtteilen hierher kommen.

Während der Kieler Woche 1965 fiel mit der Grundsteinlegung das offizielle Startsignal: Wegen der Wohnungsnot in Kiel sollte ein neuer Stadtteil mit einem alten Namen, aber moderner Skyline entstehen: Mettenhof. Geplant war das gesamte Areal für 40000 Einwohner und eine Autobahn. Doch es kam anders. Eine Serie beleuchtet die Entwicklung der kleinen Stadt in der Stadt. Heute: Bildung und soziale Infrastruktur.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3