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Feuer zerstört Hof Akkerboom

Kiel-Mettenhof Feuer zerstört Hof Akkerboom

Verkokelte Reethalme bedecken den Garten und umliegende Straßen: In der Nacht zum Montag hat ein Großbrand die Tenne auf Hof Akkerboom komplett in Schutt und Asche gelegt. 150 Feuerwehrmänner waren im Einsatz, um den Brand zu löschen.

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Hof Akkerboom ist vollständig niedergebrannt.

Quelle: Günter Schellhase

Kiel. Am Morgen züngeln immer wieder Flammen hoch. Mit einem Bagger zerlegt die Feuerwehr die Tenne, um die Glutnester zu löschen. Urte Busse steht an der Stockholmstraße und ist den Tränen nahe: Die Koordinatorin der Kultureinrichtung in Mettenhof bangt um ihre Existenz. Brandermittler der Kripo wissen noch nicht, wie es zu dem verheerenden Feuer kommen konnte. Menschen wurden dabei nicht verletzt. Die Polizei rettete eine Frau aus einem Nachbargebäude. Sachverständige sollen jetzt prüfen, ob sich ein Wiederaufbau lohnt. SPD, Grüne und SSW beklagen einen „Riesenverlust für die kulturelle Vielfalt“.

Erst gegen sieben Uhr morgens schickt Einsatzleiter Alexander Pankau nach und nach Kräfte nach Hause. Etwa 20 Mann sind noch vor Ort, als wenig später der Bagger aus Rönne kommt. Mit seiner Schaufel zieht und zerrt er Mauerwerk und Balken auseinander, unter denen es qualmt. Sofort sprühen die Feuerwehrmänner Wassermassen in die Lücken und löschen die Glutnester. Erst gegen zwölf Uhr ist das Feuer zunächst aus: Schläuche werden aufgerollt, die Drehleiter eingefahren. „Wir werden aber immer wieder zu Nachkontrollen kommen“, sagt der Einsatzleiter.

Ein Feuer hat Hof Akkerboom in Kiel-Mettenhof zerstört. Der Feuerschein war weit ünber die ganze Stadt zu sehen.

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Tatsächlich muss die Feuerwehr am Nachmittag wieder raus, weil es qualmt. Mit einem Schaumteppich werden die letzten Glutnester erstickt. Der Einsatz dauert schon 14 Stunden. Dieser Brand hat die Feuerwehrmänner an die Grenzen gebracht. Beißender Brandgeruch liegt in der Luft. Erschöpft sitzen Retter mit einem Becher Kaffee in der Hand vor der Ruine. Überall stehen Pfützen vom Löschwasser.

Urte Busse schaut auf die Ruine und ist schockiert. „Alle Unterlagen und der Computer sind vernichtet“, sagt die 48-Jährige. Sie kann auch nicht mehr nachvollziehen, wann welche Veranstaltung stattfindet. Gerade zum 50-jährigen Bestehen des Stadtteils Mettenhof waren viele Events in der Tenne geplant. „Oftmals werden Konzerte, Hochzeiten, Lesungen oder andere Termine bis ein Jahr im Voraus gebucht“, erzählt Busse. Seit acht Jahren managt sie den Hof – wie es jetzt weitergeht, weiß sie nicht. Die Stadt hat bereits Kontakt aufgenommen: „Hof Akkerboom war in den vergangenen Jahren ein toller Ort für Mettenhof. Der Brand ist eine Katastrophe für das kulturelle Leben im Stadtteil. Wir sind mit dem Vorstand des Vereins Hof Akkerboom im Gespräch, um zu sehen, ob man was retten kann“, sagt Sozialdezernent Gerwin Stöcken. Er macht sich selbst vor Ort ein Bild von dem Unglück.

Wie das Feuer ausbrechen konnte, ist noch unklar. Gegen Mitternacht schrillt die Brandmeldeanlage bei der Feuerwehr, gleichzeitig rufen aufgeregt Nachbarn an. Innerhalb weniger Minuten schlagen die Flammen meterhoch aus dem Reetdach der Tenne. 150 Einsatzkräfte können nicht verhindern, dass das Reet abfackelt und der Dachstuhl zusammenkracht. Mit Mühe und Not und viel Wasser gelingt es der Feuerwehr, die Holzwerkstatt zu halten, deren Dach sich durch die Hitze entzündet hatte. „Durch den Funkenflug bestand auch die Gefahr, dass der Kindergarten in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Er wurde mit einem Wassernebel geschützt“, sagt Feuerwehrsprecher Michael Krohn. Dieses Feuer ist nicht das erste auf Hof Akkerboom – aber das schlimmste. Bereits 2002 und 2007 hatte es hier gebrannt. Beim letzten Feuer wurde die Kulturscheune stark beschädigt und beim Wiederaufbau auf ein Reetdach verzichtet.

Besonderer Verlust für die Jazz- und Folkszene

Die Stadt Kiel und vor allem Mettenhof haben durch den Großbrand ein besonderes Kulturdenkmal verloren. Hof Akkerboom war ein Bauernhaus, das 1797/98 von der Familie Göttsch erbaut worden war. Der Hof war einer von drei noch im Stadtteil verbliebenen Höfen, die Zeugnis geben von der Geschichte des inzwischen mit Hoch- und Mehrfamilienhäusern bebauten Gebietes.

Dass der Hof Akkerboom überhaupt erhalten geblieben war, ist Mettenhofern zu verdanken. Eigentlich waren der Abriss der Tenne, des ehemaligen Kuhstalls und der Scheunen beschlossene Sache, als 1981 der Pachtvertrag des Ehepaares Eeltje und Sophie Akkerboom mit der Stadt Kiel auslief. Doch dagegen wehrten sich die Bürger: Im Juni 1981 gründete sich eine Bürgerinitiative, aus der im Februar 1982 der Verein Hof Akkerboom hervorging. Dieser sanierte das Gebäude, um ein Kulturzentrum zu schaffen. Und das ist den mittlerweile gut 180 Mitgliedern und den rund 40 aktiven Ehrenamtlichen mehr als gelungen, wie zahlreiche Veranstaltungen beweisen: Konzerte, Theater-Aufführungen, Tanz-Café, Ausstellungen, Handarbeitsgruppen, Holzaktionen, Kaffeenachmittage mit Vorträgen und vieles mehr lockten Mettenhofer sowie Besucher aus Kiel und der Umgebung regelmäßig in die Stockholmstraße 159. Dazu kamen die Gäste, die auf dem romantischen Hofgelände, im Bauerngarten, unter dem Apfelbaum oder in der alten Tenne Hochzeiten, Taufen, Geburtstage und andere Feste mehr feierten.

Der Hof ist mit seinem Angebot nicht nur für den Stadtteil wichtig, er hat eine besondere Bedeutung für die ganze Region Kiel und darüber hinaus. Besonders für die Musiker der Jazz- und Folkszene aus Schleswig-Holstein und Hamburg, die regelmäßig in der Tenne auftraten, ist es ein herber Verlust. „Der Jazzfrühschoppen, ein wesentlicher Bestandteil der Jazzszene in Schleswig-Holstein, findet seit Jahrzehnten auf Hof Akkerboom statt. Die Musiker und unsere Gäste sind von Herzen mit dem Hof verbunden“, sagt Caprice Sturm, Organisatorin der Jazzfrühschoppen. Sie ist wie viele Künstler und Musiker entsetzt über den Brand „Wir versuchen, den Frühschoppen an anderer Stelle zu organisieren, hoffen aber, dass die Tenne bald wieder aufgebaut wird und wir dort wieder spielen können.“ Auch Cai-Uwe Lindner von der AG Kulturtage zeigte sich entsetzt: „Das Feuer hat ein richtiges Loch in die Herzen der Mettenhofer gebrannt. Der Hof ist nicht nur ein Denkmal, sondern auch eine tragende Säule für die Kultur im Stadtteil. Der Stadtteil ist um ein großes Stück Kultur ärmer.“

Veranstaltungen:

Wer auf Hof Akkerboom eine Veranstaltung angemeldet hat, sollte sich mit Urte Busse unter kleine.lotta@t-online.de in Verbindung setzen.

Von Günter Schellhase und Jennifer Ruske

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Foto: Das Feuer hat ganze Arbeit geleistet: Der Hof Akkerboom ist bis auf die Grundmauern zerstört.

Nach dem verheerenden Brand stellt sich in Mettenhof nur eine Frage: Was wird aus Hof Akkerboom?

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