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Wie steht es um die Gesundheit der Kleinen?

Öffentlicher Gesundheitsdienst Wie steht es um die Gesundheit der Kleinen?

Die Gesundheitsversorgung einer Gesellschaft ruht auf drei Säulen: niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser - und der öffentliche Gesundheitsdienst, zu dessen Aufgaben alle Untersuchungen von Kindern vor deren Einschulung gehören. Übergreifend betrachtet wurde der ÖGD nach Angaben der Verwaltung personell und finanziell eine Zeitlang vernachlässigt. „Aber wir erleben gerade eine Renaissance.“

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Quelle: Ramona Heim / Fotolia

Kiel. Schon deshalb verfügt gerade der ÖGD über einen Schatz von Daten, die einer Gesellschaft früh zeigen, wie es um ihren Nachwuchs steht, welche Entwicklungen sich anbahnen und welche Weichenstellungen nötig sind.

Dr. med. Angelika Hergeröder, Kinder- und Jugendärztin im ÖGD, ist Abteilungsleiterin im Gesundheitsamt der Landeshauptstadt Kiel und zuständig für den in insgesamt acht Außenstellen von Friedrichsort bis Gaarden aktiven kinder- und jugendärztlichen Dienst mit seinen fast ausschließlich in Teilzeit arbeitenden 20 Mitarbeiterinnen. „Der Kieler ist einer der gut aufgestellten schulärztlichen Dienste in Schleswig-Holstein“, betont Hergeröder. Übergreifend betrachtet, sei der ÖGD personell und finanziell eine Zeitlang vernachlässigt worden, „aber wir erleben gerade eine Renaissance“. Eine zentrale ÖGD-Aufgabe sei die Gesundheitsvorsorge, „auch für diejenigen, die das Gesundheitssystem von allein nicht erreichen“: Schuleingangsuntersuchungen, auch und zunehmend von Migrantenkindern; Kontrolle des Impfstatus; frühe Aufklärung über Gesundheitsrisiken, um die sich besonders die Fachteams der Frühen Hilfen kümmern.

„Im Bereich Kindergesundheit ein Segen“ seien die von der Stiko (Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut) empfohlenen Impfungen, meint die Medizinerin. Die Durchimpfungsrate in Schleswig-Holstein sei gut und liege im Schnitt bei 90 Prozent. Von den etwa 400 Kindern in Kiel, die zurzeit in DAZ-Klassen (DAZ = Deutsch als Zweitsprache) unterrichtet werden, „haben wir bisher 100 gesehen. Wir arbeiten uns durch. Von den 100 hatten zehn Kinder Impfausweise, und diese zehn waren unvollständig geimpft.“ Masern – wer sie durchgemacht hat, ist lebenslang immunisiert – und Keuchhusten – man kann ein zweites Mal erkranken – bezeichnet Hergeröder als die beiden wichtigsten Krankheiten, „bei denen jeder gucken sollte, ob er auch geimpft ist.“

Die hohe Durchimpfungsrate, die frühe Erkennung und Behandlung von Krankheiten, darunter zunehmend auch solche, „die wir so hier lange nicht hatten“, die gute Versorgung durch Kinderärzte in Kiel, auch von Kindern mit chronischen Krankheiten – Asthma, Neurodermitis, Diabetes, Rheuma – zählt Hergeröder zu den positiven Entwicklungen. Als „die schwierigen Seiten“ bezeichnet sie Gewichtsprobleme der Kinder, Sprachentwicklungsverzögerungen bei etwa einem Drittel aller Kinder in Schuleingangsuntersuchungen und Verhaltensstörungen.

Die noch nicht veröffentlichten Daten der jüngsten Schuleingangsuntersuchungen im Herbst 2014 zeigen, dass im Schnitt elf bis zwölf Prozent der Jungen und Mädchen in Schleswig-Holstein übergewichtig und/oder fettleibig (adipös) sind und etwa ebensoviele untergewichtig und/oder stark untergewichtig. Was genau die Ursachen für Verhaltensstörungen sind, ist unklar. Häufiger als früher bestimmen heute Partnerwechsel eines Elternteils, Verluste von Beziehungspersonen, Umzüge mit folgendem Verlust einer Kita-Ganztagsgruppe, Unruhe und früher Gebrauch und Missbrauch elektronischer Geräte das Leben von Kindern. „Da dreht sich etwas um“, sagt Angelika Hergeröder.

Wer vergessen hat, dass Spracherwerb ein hohes Gut ist, sollte sich mit Kinder- und Jugendärzten unterhalten. „Wir sehen Zweijährige, die in ihrer Sprachentwicklung fast überreif sind und schon über einen unglaublichen Wortschatz verfügen, aber auch Vierjährige, die keinen Satz zustande bringen“, schildert Dr. Johannes Kandzora, in gemeinsamer Praxis mit seiner Ehefrau Kathrin Kandzora in Neumünster niedergelassener Kinder- und Jugendarzt und Kinderkardiologe. Um Eltern mitzunehmen, müsse man sie positiv bestärken – ist seine Erfahrung. „Wir versuchen, Eltern klarzumachen, dass die halbe Stunde, die sie ihren Kindern etwas vorlesen, eine gute Investition ist, weil sie den Spracherwerb ihrer Kinder fördert.“

Als vorrangig unter den negativen Entwicklungen der vergangenen Jahre sieht Kandzora – der seit 33 Jahren Kinder im Alter von null bis 18 untersucht und behandelt – die Häufung von Übergewicht. „In der Regel kommen übergewichtige und adipöse Kinder aus Familien, in denen Übergewicht kein Fremdwort und bewusste Ernährung kein Thema ist, die aber nicht immer bildungsfernen Schichten angehören.“ Welche Folgeerkrankungen hinter Übergewicht und Bewegungsmangel lauern, zeigt ein einziger Wert; Kandzora maß ihn bei einem Zwölfjährigen: „Er hatte einen Blutdruck von 160 zu 100, war allerdings seit vielen Jahren übergewichtig.“ Zwei Patienten, einer zwölf, der andere 16, hätten es hingegen aus eigenem Antrieb geschafft, ihr Gewicht um ein Viertel (25 Kilo) und ein Drittel (35 Kilo) zu reduzieren und so zu normalisieren: durch drastische Kalorienreduktion und viel Sport im einen, mit ausgewählter Ernährung und Bewegung im Fitnessstudio im anderen Fall.

„Unsere Zusammenarbeit mit dem ÖGD ist gut“, sagt Kandzora, „auch, weil wir an verschiedenen Polen der Kinderversorgung deckungsgleiche Wahrnehmungen hinsichtlich der Defizite haben.“ In den Vorsorgeuntersuchungen – neun bis zum fünften Geburtstag, dann, nach der Schuleingangsuntersuchung, die U10 mit sieben oder acht Jahren, die U11 mit neun oder zehn, die J1 zwischen zwölf und 14 und die J2 mit 16 oder 17 – „sprechen wir die Kinder an, was sie so machen, und wenn die Antwort lautet: ‚Bin viel draußen‘, ahnt man schon, dass sie sich wenig bewegen. Das sind Kinder, die einen Tipp brauchen für Sport im Verein. Ob Tischtennis oder Fußball, Rudern oder Schwimmen, muss das Kind selbst sehen. Wir halten uns mit Vorschlägen zurück, auch wegen der sehr unterschiedlichen Kosten für die Sportarten.“

Man könne ein Kind nur einschätzen, wenn man in den medizinischen Untersuchungen berücksichtige, wie es sozial integriert sei, wo seine Stärken lägen, und wo man es stärken könne. „Oft sind Familien gut organisiert. Dem braucht man dann nichts hinzuzufügen.“

https://www.kiel.de/leben/kinder/fruehe_hilfen

http://www.kiel.de/rathaus/service/_leistung.php?id=896934

http://www.schleswig-holstein.de/DE/Schwerpunkte/Impfen/impfen_node.html

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Ein Artikel von
Christian Trutschel
Lokalredaktion Kiel/SH

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