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Wo die Armut im Alter besonders groß ist

Kiel Wo die Armut im Alter besonders groß ist

Armut in Kiel – das ist nicht nur das Problem einer bestimmten Altersgruppe. Aber bei den Senioren wächst das Problem besonders stark. Zurzeit ist etwa jeder 16. Kieler über 65 Jahre betroffen – 2025 wird es bereits jeder Elfte sein. Der zuständige Stadtrat Gerwin Stöcken hält die Altersarmut deshalb nach der Kinderarmut für eines der zentralen Probleme der Zukunft.

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Fast 2900 Senioren, davon 59 Prozent Frauen, bekommen zurzeit Grundsicherung im Alter.

Quelle: dpa (Symbolfoto)

Kiel. Fast 2900 Senioren, davon 59 Prozent Frauen, bekommen zurzeit Grundsicherung im Alter. Sie leben in allen Stadtteilen, aber es gibt deutliche Schwerpunkte. Vor allem, wenn man diejenigen Senioren anschaut, die noch in ihrer Wohnung leben: Mit Abstand am größten ist das Problem in Gaarden. Dort, so zeigt eine Untersuchung der Stadt Kiel, ist fast jeder Vierte über 65 Jahre betroffen. An zweiter Stelle steht Mettenhof, den dritten Platz teilen sich gleich vier Stadtteile: Ellerbek/Wellingdorf, Neumühlen-Dietrichsdorf mit Oppendorf und die zentralen Stadtteile Mitte und Schreventeich/Hasseldieksdamm. Am niedrigsten ist die Quote in Meimersdorf/Moorsee.

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 Doch diese Zahlen geben die Altersarmut nur unvollständig wider. Denn noch immer nutzen nicht alle, denen sie zusteht, die Grundsicherung im Alter. „Wenn ich bei der Ausgabe des Seniorenpasses helfe, stoße ich immer wieder auf Rentner, die auf das Geld aus der Grundsicherung verzichten“, sagt Christine Scheffer vom Kieler Seniorenbeirat: „Sie schämen sich, vor allem aber fürchten sie, dass das Amt ihre Kinder heranzieht.“ Diese Angst ist aber in der Regel unbegründet: Die Kinder müssen nur zahlen, wenn sie im Jahr über 100.000 Euro verdienen oder wenn die Rentner in den letzten Jahren die Armut fahrlässig oder vorsätzlich herbeigeführt haben.

 Vor allem: Auch Senioren, die keinen Anspruch auf Grundsicherung haben, können arm sein. Denn in Deutschland liegt die Armutsschwelle für Alleinstehende bei 979 Euro. Das ist deutlich über der Grundsicherung. Wer also 900 Euro Rente hat, bekommt keine Grundsicherung, lebt aber trotzdem unterhalb der Armutsschwelle. „Man muss nur mit offenen Augen durch Kiel gehen, dann sieht man das auch“, sagt Horst Reyer, der als Vorsitzender des Seniorenbeirates regelmäßig das Problem auf dem Tisch hat: „Wer durch einen Discounter geht, sieht alte Kieler, die nur ein paar abgepackte Brotscheiben und einen Schmierkäse im Einkaufswagen haben.“ Wie viele Senioren in der Landeshauptstadt unterhalb der Armutsschwelle leben, weiß niemand genau.

Mehr Grundsicherungsempfänger

 Klar ist hingegen, dass es immer mehr werden. Bei der Stadt geht man davon aus, dass sich allein die Zahl der Grundsicherungsempfänger von 2010 bis 2025 um 85 Prozent erhöht. Ein wesentlicher Grund seien die Rentenreformen: Heute liegt das Rentenniveau bei 51 Prozent des durchschnittlichen Nettolohns vor Steuern – 2030 wird es nur noch 43 Prozent betragen.

 Für Gerwin Stöcken sind deshalb gute Bildung und genügend sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze die beste Prävention. Die müssen aber einen überdurchschnittlichen Verdienst ermöglichen. Denn die Standardrente allein wird nicht mehr reichen. Die erhält man, wenn man 45 Jahre lang gearbeitet und stets den jeweiligen Durchschnittslohn bekommen hat. 1990 bekam dieser Standardrentner noch 1302 Euro. 2014 waren es 1139 Euro. 2030 werden es – bei steigenden Lebenshaltungskosten – nur noch 1000 Euro sein.

 In Kiel fordert deshalb das soziale Bündnis aus Sozialverband, DGB und Awo die Rücknahme der Rentenreformen. Und Kieler wie der 69-jährige Christian Koberg organisieren sich in der Initiative Seniorenaufstand.de, um die Politik zu einer Umkehr zu bewegen. „Dass das noch möglich ist, haben wir gemeinsam mit der Deutschen Rentenversicherung in einem Konzept nachgewiesen“, sagt Frank Hornschu vom DGB.

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Altersarmut ist ein Märchen. Das zumindest ist mit schöner Regelmäßigkeit zu lesen und zu hören. Als Beweis wird das steigenden Einkommen und Vermögen der deutschen Rentner angeführt. Ja, es gab noch nie eine so vermögende Rentnergeneration wie die heutige. Aber eine absolute Zahl allein weckt ebenso ein falsches Bild wie ein statistischer Durchschnittswert. Denn auch durch diese Generation geht ein tiefer Riss.

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