16 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Zoologisches Museum durch Ertasten begreifen

Neue Ausstellung Zoologisches Museum durch Ertasten begreifen

Im Zoologischen Museum Kiel beginnt am kommenden Dienstag eine neue Ära mit Pilotcharakter. Zum ersten Mal dürfen (und sollen) Besucher dort wertvolle Originalobjekte des Museums – vom Elefantenstoßzahn bis zur Rochen-Zahnsäge – im wörtlichen Sinn durch Ertasten begreifen.

Voriger Artikel
Mit kleinen Steinen große Dinge vollbringen
Nächster Artikel
Kiel, deine Innenstadt

Als Blinder kann Niels Luithardt dem Haischädel auf den Zahn fühlen und so Ausstellungsstücke auf seine Art erfahren.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Vorteil des innovativen Konzeptes, das Inklusion konsequent umsetzt: Die neue Dauerausstellung „Auf den Zahn gefühlt“ ist für blinde Besucher genauso geeignet wie für normal Sehende.

 Euphorie gehört für Naturwissenschaftler wie Dirk Brandis in der Regel eher nicht zu hervorstechenden Wesensmerkmalen. Doch diesmal merkt man dem Direktor des Zoologischen Museums die mit Freude gemischte Anspannung an. Zwei Jahre hat er mit seinem Team am Konzept für die am kommenden Dienstag öffnende Dauerausstellung gefeilt: „Dann betreten wir komplettes Neuland.“

 Das Neuland des Museums ist mit etwa 80 Objekten auf weniger als 20 Quadratmetern zwar nicht besonders groß, hat es aber trotzdem in sich. In der Mitte thront ein gewaltiger Elefantenschädel, an den Wänden hängen Schädel von Haien, Krokodilen und Kängurus. Prunkstücke der Ausstellung wie die Zahnsäge eines Rochens kann man sogar auf einer beleuchteten Schublade ganz nah zu sich heranziehen.

 Diese Nähe ist Programm. Alles hier kann und soll von sehenden wie blinden Besuchern berührt werden, die sich so herantasten an die Wunder der Evolution. Zum Beispiel, wenn Fingerspitzen über die Hautschuppen von Rochen und Haien streichen. „Die Schuppen sind lauter Zähne, die sich erst im Laufe der Jahrmillionen bei einigen Arten im Kieferbereich zur besseren Beutefixierung verstärkten“, erklärt Brandis.

 Erfühlen lässt sich diese Gebiss-Spezialisierung auch bei Säugetieren, denen man in die Schädel fassen darf. Zähne des Bibers sind wie ein Meißel geformt, die des Pferdes an der Oberfläche wie eine Feilen die Hauer des Walrosses ähneln einem Hammer. Solche Werkzeuge liegen bewusst neben den Originalobjekten des Museums, um die Gebiss-Spezialisierung anschaulich zu machen.

 Das Ausstellungsthema lag nah für den Museumsleiter. „Jeder hat zu Zähnen einen Bezug. Außerdem sind Schädel und Zähne einigermaßen robust, dass sie sich zum Ertasten eignen.“ Großen Anteil an der Konzeption der ungewöhnlichen Schau hatte auch der Niels Luithardt (33), Mathematik- und Physikstudent.

 Als Blinder sorgte er für all die besonderen Details, die die Ausstellung zu einem Vorzeige-Inklusionsprojekt machen. Zum Beispiel für die Wegeführung mit auf dem Boden aufgeklebten Rippen und Noppen, für die Gestaltung der Texttafeln in Prisma- und Punktschrift. Zudem „spricht“ ein Akustikstift Info-Texte, wenn er an einen Punktcode neben den Ausstellungsobjekten gehalten wird.

 Selbst einem erfahrenen Zoologen wie Dirk Brandis geben manche Exponate Rätsel auf. Wie zum Beispiel die sich aus dem Maul eines Hirschebers heraus wölbenden Zähne, die sogar Lippen durchstoßen. Eine erkennbare Funktion hätten die Hauer außer Feindabschreckung jedenfalls nicht. „Vielleicht ist es das erste Lippenpiercing der Evolution.“

 Öffnungszeiten des Zoologischen Museums

Hegewischstraße 3: Dienstag bis Freitag 9 bis 17 Uhr, Sonnabend 10 bis 17 Uhr, Sonn- und Feiertage 12 bis 16 Uhr.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

Events in Kiel

Veranstaltungen in Kiel
Aktuelle Termine, News, Infos.

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Anzeige
Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3