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Wer kann Flüchtlinge aufnehmen?

Stadt bittet um Hilfe Wer kann Flüchtlinge aufnehmen?

Der anhaltende Zustrom von Flüchtlingen, die über Kiel nach Skandinavien weiterreisen wollen, bringt die Stadt Kiel an den Rand ihrer Möglichkeiten. Die Stena-Fähren haben zu wenig Platz für die vielen Flüchtlinge. Am Sonnabend musste die gerade erste eröffnete Notunterkunft in der Markthalle am Bootshafen wegen Überfüllung geschlossen werden.

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Notunterkunft für Flüchtlinge: Die Markthalle in Kiel ist überbelegt.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Weil auch Sonntagnacht wieder Menschen in Kiel zu stranden drohten, rief die Stadt ihre Bürger um Hilfe: Privatleute sollten Asylbewerber in ihren Wohnungen übernachten lassen. Bis 21 Uhr war die Situation an der Markthalle jedoch entspannt. Es kann aber sein, dass am Montag wieder Flüchtlinge privat untergebracht werden müssen.

Auch der Ostsee-Kai ist zwar wieder für Flüchtlinge geöffnet, dort muss aber auf dem Boden geschlafen werden - sämtliche verfügbaren Feldbetten stehen in den Notunterkünften. „Die Stadt Kiel freut sich über alle, die uns bei der Aufnahme unterstützen können. Das gilt auch für die Aufnahme bei Privatpersonen“, sagte Stadtsprecherin Annette Wiese-Krukowska am Sonntag nach einer Krisensitzung im Rathaus. Wer Flüchtlinge bei sich aufnehmen könne, möge persönlich zur Markthalle kommen und sich bei der Einsatzleitung melden.

Am Sonnabend seien die Kapazitäten dort gegen 21 Uhr erschöpft gewesen, so die Sprecherin. 320 Flüchtlinge, darunter etwa 30 Kinder und Säuglinge, kamen in der Halle unter – doch weil der Zustrom ungebremst anhielt, musste die Feuerwehr den Eingang sperren. „Mehr ging nicht, das war nicht zu verantworten“, erklärte Wiese-Krukowska. Um 22.29 Uhr postete OB Ulf Kämpfer auf Facebook: „Wer ein privates Quartier bieten kann, wird gebeten, direkt zur Markthalle zur kommen.“ Tatsächlich gelang es, einen erheblichen Teil der Neuankömmlinge privat unterzubringen. Mehrere junge Frauen hätten in der Nacht ganze Gruppen von Asylbewerbern mit nach Hause genommen, berichteten Augenzeugen. „Eine Frau hat gleich acht Flüchtlinge auf einmal mitgenommen“, sagte der Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes.

Die Ostsee-Fährhäfen mit Linien nach Skandinavien erleben seit Tagen den Andrang von Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Sie wollen zu Verwandten und Freunden in Schweden oder Norwegen. Am Kieler Schwedenkai zog die Wasserschutzpolizei am Wochenende Kräfte aus anderen Landesteilen zusammen., um die Abfertigung der Stena-Fähren zu sichern. Die Beamten sollten dafür sorgen, dass Flüchtlinge nicht auf eigene Faust versuchen, zwischen Lastwagen und Autos an Bord zu kommen.

Weil am Wochenende viele Touristen und Kurzurlauber bei Stena gebucht hatten, war für Flüchtlinge viel zu wenig Platz. „Am Freitag haben wir nur um die 60 mitnehmen können, am Sonntag um die 100“ , sagte Stena-Sprecher Martin Wahl.

Nachts postete der OB: Wer hat ein Quartier?

Es waren chaotische Szenen, die sich am Wochenende an der neuen Asyl-Unterkunft mitten in Kiel abspielten. Die Markthalle am Bootshafen war am späten Sonnabend schon völlig überfüllt, und noch immer warteten Scharen von Flüchtlingen, frierend, müde, viele am Ende der Kraft. Da griff Oberbürgermeister Ulf Kämpfer zu einem unbürokratischen Mittel. Per Facebook bat er: Wer ein Privatquartier bieten könne, solle doch bitte direkt zum Bootshafen kommen.

Aktuelle Nachricht, bitte weitergeben: Die Notunterkunft in der Markthalle ist fuer heute Nacht ausgebucht, wir koennen dort kurzfristig keine Fluechtlinge mehr unterbringen.

Posted by Ulf Kämpfer on Samstag, 19. September 2015

„Da waren plötzlich zwei junge Frauen, und jede nahm gleich eine ganze Gruppe Flüchtlinge aus dem Irak und Afghanistan mit“, schildert ein junger Syrer, der vor einem Jahr selbst nach Kiel geflohen war und in der Nacht zum Sonntag als Übersetzer arbeitete, mit dem Roten Kreuz Nudelsuppe austeilte und einem Arzt zur Hand ging. „Viele Flüchtlinge waren krank, hatten Halsschmerzen und Grippe“, erzählt der 19-Jährige. „Ein kleiner Junge hatte etwas Ernstes, der Arzt wollte ihn ins Krankenhaus schicken, doch der Vater sagte Nein: ,Ich will doch morgen weiter nach Schweden!’“

Schweden – das ist für die meisten Flüchtlinge in Kiel das gelobte Land. Doch dahin fahren von Kiel aus nur die Fähren der Stena Line. Und deren Kapazitäten sind begrenzt. Deshalb kommt alles auf die Unterkünfte an. „Feuerwehr, Rotes Kreuz und ehrenamtliche Helfer haben großartige Arbeit geleistet“, sagte Annette Wiese-Krukowska, Sprecherin der Stadt.

Die Lage in der zur Notunterkunft hergerichteten Markthalle war in der Nacht zum Sonntag ernst geworden. Eigentlich sollten nur 300 Menschen dort sein. Irgendwann in der Nacht waren es aber fast 400 Menschen, heißt es. Feuerwehr-Amtsleiter Thomas Hinz zog aus Sicht des Brandschutzes die Notbremse. Ein Zelt wurde als erstes Quartier hinzugenommen. Die Zahl der Flüchtlinge überstieg alle Erwartungen.

Am Sonntag wurde dann der Ostseekai als Notaufnahme kurzfristig wieder geöffnet. Die Wasserschutzpolizei übernahm hier die Sicherung. Der Eingangsbereich des Schwedenkais wurde durch Polizisten zeitweise abgeriegelt, damit die Abfertigung in geordneten Bahnen erfolgen konnte. Hinweisschilder in arabischer Sprache sowie Dolmetscher halfen den Flüchtlingen. Im Eingangsbereich des Terminals wurde mit einem Zugfahrplan auch der Hinweis aufgehängt, dass die Bahn Flüchtlinge kostenlos bis zur dänischen Grenze befördert. Für die meisten blieb die Fähre aber erste Wahl.

Von Christian Longardt und Frank Behling

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Ein Artikel von
Christian Longardt
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