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Eine echte Gemeinschaftsleistung

Kiel hilft Flüchtlingen Eine echte Gemeinschaftsleistung

Vor genau einem Jahr startete die Gruppe „Kiel hilft Flüchtlingen“ ihre erste Aktion und revolutionierte damit die Freiwilligenarbeit in Kiel. Ein Jahr später hat sich das Bürgernetzwerk von der reinen Nothilfe für Flüchtlinge zu einem festen Faktor bei der Integration entwickelt.

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Zum offenen Sprachtraining kann jeder kommen: Katrin Aldinger-Kahnt (links) erklärt Tamam Abd Alhadi aus Syrien neue Vokabeln.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Eines aber ist geblieben: Alles läuft freiwillig und ehrenamtlich.

Da muss man doch etwas machen. Wie so viele andere denken das auch die Geschwister Adeel und Faiza Tahir, als im August 2015 immer mehr Flüchtlinge in Schleswig-Holstein ankommen. Doch die beiden Kieler tun tatsächlich etwas: Sie rufen über Facebook zu Spenden auf, die sie mit etwa 20 Freunden an die Geflüchteten verteilen wollen. „Wir haben damals die Gruppe gegründet, weil wir schnell und unkompliziert helfen wollten. Dazu wollten wir eine Plattform schaffen, wo Menschen Flüchtlingen helfen können, ohne sich rechtfertigen zu müssen“, erinnert sich Faiza Tahir. Einfach ohne Verpflichtung etwas vom eigenen sicheren Leben abgeben und damit ein bisschen Mitmenschlichkeit signalisieren – es ist, als wenn Tausende in der Landeshauptstadt auf diese Möglichkeit gewartet haben. Denn in den folgenden Wochen melden sich weit über 10000 Kieler in der Facebook-Gruppe an. Die Initiatoren behalten kühlen Kopf, vernachlässigen ihr Studium, ihre Jobsuche, ihre Arbeit und kanalisieren stattdessen den anschwellenden Strom von Spenden. Werden in den Gemeinschaftsunterkünften Kleidung, Hygieneartikel, Kinderwagen oder Spielmaterialien benötigt, stellt Kiel hilft Flüchtlingen das in kürzester Zeit ins Internet. Und auf wundersame Weise meldet sich immer irgendwo ein Spender, und andere Freiwillige bringen seine Spende dorthin, wo sie benötigt wird. Nie war Helfen so schnell und unbürokratisch.

 Als die Stadt in der Markthalle die erste Notunterkunft für Transitflüchtlinge einrichtet, arbeiten Freiwillige von Kiel hilft Flüchtlingen über Monate nachts mit. Parallel wird das erste Spendenlager in der Gärtnerstraße eingerichtet. Es wird bald zu einem Ameisenhaufen Freiwilliger, die Spenden annehmen, prüfen, bei Bedarf zu Hause waschen, dann sortieren, verpacken, verladen. Sebastian Rehbach, der damals gerade sein Studium der Sozioökonomie beendet hat und seine Jobsuche zurückstellt, um das Spendensystem noch effektiver zu machen, erinnert sich: „Das war das inklusivste Projekt überhaupt. Da stand die Multimillionärin neben der Hartz-IV-Empfängerin, die verschleierte Frau neben dem Diakon, um gemeinsam Kleidung zu sortieren.“ Damals sei ihm klar geworden, dass Integration am besten über eine gemeinsame Tätigkeit funktioniert. „Das haben wir zu unserem Prinzip gemacht.“

 Zunächst war das nur das gemeinsame Spendensortieren in der Gärtnerstraße, seit Dezember 2015 in der Preetzer Straße 5, kurz P5 genannt. Es ist nicht nur Spendenlager, sondern auch Treffpunkt, Veranstaltungs- und Lernort. Nachdem es immer weniger Geflüchtete bis nach Deutschland schaffen, steht nun die Integrationsarbeit im Vordergrund. Doch das Prinzip bleibt dasselbe. Jeder kann mitmachen, gleichgültig welcher sozialen Herkunft und Nationalität. Jeder kann zum Beispiel dienstags zum offenen Nähen kommen – um Nähen zu lernen oder es anderen beizubringen wie der Schneider Armini Wais, der in Afghanistan Brautkleider genäht hat. Oder man kommt zum offenen Sprachtraining. „Es ist verrückt, aber es sind immer genug Sprachlehrer hier, sodass die Geflüchteten in kleineren Gruppen etwas lernen, Menschen treffen und sich über ihre Probleme austauschen können“, sagt Maren Brandt. Dabei wird immer von den aktuellen Bedürfnissen ausgegangen: mal wird das Ausfüllen eines Formulars geübt, mal werden Gesprächssituationen durchgespielt. „Mit den Menschen, nicht über sie hinweg, das ist uns wichtig“, sagt Katrin Aldinger-Kahnt.

 Doch die nächsten Herausforderungen sind schon da. Zum Jahresende muss P5 geräumt werden, weil dort Wohnungen gebaut werden. Kiel hilft Flüchtlingen braucht ein neues Domizil, gut zu erreichen und mit viel Platz, und Sponsoren für Strom, Wasser, Heizung.

 Nein, nicht alle Freiwilligen aus der Anfangszeit sind noch aktiv. Viele haben sich zu sehr ausgepowert, andere müssen sich einfach wieder um ihre eigenen Dinge kümmern. „Aber bei fast allen bleibt die Grundbereitschaft, als Gesellschaft Dinge in die Hand zu nehmen und Probleme zu lösen“, sagt Rehbach. Faiza und Adeel Tahir finden, Kiel hilft Flüchtlingen kann stolz sein auf „diese echte Gemeinschaftsleistung“.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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