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Eine Initiative der Superlative

"Kiel hilft Flüchtlingen" Eine Initiative der Superlative

"Die Augenringe stammen nicht von der vielen Arbeit, sondern von dem rauschenden Helferfest", versichert Christian Müller von der "Initiative Kiel hilft Flüchtlingen". Nach dem internen Fest am Freitagabend hatten die Helfer am Sonnabend zu einem Tag der offenen Tür in die neuen Lagerräume in der Preetzer Straße 5 geladen.

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 Susanne Kalweit hat Moamar und Rana Alsafidi mit in die Sortierstation gebracht. Sie hat die beiden in der Flüchtlingsnachbarschaftshilfe kennengelernt. Nun sortieren die drei Hosen, Handschuhe und Mützen in die richtigen Fächer.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. 60000 ausgegebene Kleidungsstücke, 20000 versorgte Flüchtlinge allein in Kiel und 13000 Mitglieder in der Facebookgruppe: Die Initiative „Kiel hilft Flüchtlingen“ ist zwar erst ein paar Monate alt, kann sich aber mit ihren gut 800 Helfern schon nach einem Vierteljahr die größte Bürgerinitiative nennen, die Kiel je gesehen hat.

Das Lager in der Gärtnerstraße war binnen kurzer Zeit zu klein, und „Kiel hilft Flüchtlingen“ startete selbst einen Hilferuf, der von der Evangelischen Stadtmission gehört wurde. Gut 1000 Quadratmeter in Industriehallen an der Preetzer Straße 5 standen leer. Ende 2016 sollten die Gebäude abgerissen werden, doch bis dahin, findet die Stadtmission, könnte die Initiative diese noch nutzen. Am Sonnabend wurde die neue Helferzentrale mit einem Tag der offenen Tür gebührend eingeweiht.

Niemand kommt mit leeren Händen. Umzugskartons mit Kleidung, Kinderfahrräder, Kosmetikartikel gehen über den neuen Annahmetresen, an dem Franziska Kerls alle Hände voll zu tun hat. „Es ist großartig und inspirierend, hier zu arbeiten“, sagt sie und nimmt ein großes Paket Säuglingswindeln an. Sie schwärmt von der positiven Energie in den Räumen und hievt Karton um Karton auf einen großen Stapel. Auf der anderen Seite steht Susanne Kalweit, nimmt die Kartons und beginnt, den Inhalt nach Art und Größe zu sortieren. Sie hat Moamar und Rana Alsafadi mit in das neue Lager gebracht. „Wir haben uns in der Flüchtlingsnachbarschaftshilfe kennen gelernt. Die beiden sind vor einem Jahr nach Kiel gekommen und wollten auch gerne helfen“, erzählt sie und wundert sich, wie viel Kleidung die Kieler so übrig haben. Wobei die Helfer ins Philosophieren kommen. Dringend benötigt wird Männerkleidung in kleinen Größen. Davon gibt es zu wenig.

"Kiel hilft Flüchtlingen" hat zum Tag der offenen Tür geladen. Hier sehen Sie Bilder davon.

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„Der mitteleuropäische Mann ist halt ein wenig größer und denkt wohl oft, die Hose tut es noch ein Jahr, während Frauen sicher ein bisschen mehr im Kleiderschrank haben, was sie auch abgeben“, sagt Christian Müller, Sprecher der Initiative, und lacht. Er sieht müde aus. „Aber die Augenringe stammen nur von der Helferparty gestern“ versichert er. Die Arbeit verbindet, ist aber auch anstrengend, da ist so ein gemeinsamer Abend, an dem man mal loslässt und feiert, auch wichtig. „Wir achten aufeinander, und es gibt hier keinen Druck. Wer nicht mehr kann, der macht eine Pause“, sagt Müller, der eigentlich Jurist ist und zugeben muss, dass sein Leben gerade in der Initiative stattfindet. Weihnachten? „Ach wissen sie, wir haben eine gute Gemeinschaft und da hinten auch einen Tannenbaum aufgestellt“, sagt er. Damit ist alles gesagt. Der Tannenbaum steht zwischen Umzugskisten, auf die Andrea Bast Streifen mit Barcodes klebt.

„Wir erfassen die Inhalte mit einem Computerprogramm und zeichnen die Kisten aus. So wissen wir immer, was wo ist“, erklärt sie und versichert mit zufriedenem Lächeln, die Arbeit mache süchtig und sei sehr zur Nachahmung empfohlen. Das Computerprogramm hat Hannes Eilers geschrieben. Er ist Informatiker an der FH in Kiel. „Ich habe hier nur mal ein paar Klamotten abgeben wollen, dann bin ich ein Stündchen geblieben. Aus der Stunde wurden Tage, Wochen und Monate“, berichtet er. Als er die lange Exeltabelle mit den Inhalten der Kartons auf etwa 600 Europaletten in die Hand bekam, wusste er, was zu tun ist. Er setzte sich hin und programmierte in nächtelanger Arbeit, glaubt man den Helfern, ein ziemlich ausgereiftes Inventarisierungsprogramm, das er nun allen gemeinnützigen Organisationen zur Verfügung stellt.

Schnelle unkomplizierte Lösungen, die schafft die Initiative sicher auch, weil es keine starren Strukturen gibt. „Viele Wege führen nach Rom, und wir lassen all diese Wege zu“, sagt Müller und löffelt inzwischen draußen in der Sonne die Markthallensuppe. Die vegane, kräftigende Linsensuppe, die haben sich die Helfer ausgedacht, weil sie es damit wirklich allen recht machen können. Sie ist massentauglich, schmackhaft und zum Tag der offenen Tür von einem irakischen Bürger gekocht. Jeder gibt eben das, was er kann. „Wenn ich mir etwas wünsche, dann ist es, dass die beeindruckende Hilfsbereitschaft der Kieler auch weiterhin anhält“, sagt Müller.

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