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Petticoat, Pumps und Perlonstrümpfe

Kieler Chic Petticoat, Pumps und Perlonstrümpfe

Mit einer außergewöhnlichen Ausstellung startet der Warleberger Hof in die Weihnachtszeit. Am Nikolaustag wird „Kieler Chic“ um 11.30 Uhr eröffnet und birgt selbst für eingefleischte Kieler einige Überraschungen.

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So sieht er aus, der Krawatten-Bügler: Museumsleiterin Dr. Doris Tillmann zeigt eines der Exponate der neuen Ausstellung „Kieler Chic“, die am Sonntag um 11.30 Uhr im Stadtmuseum Warleberger Hof in Kiel eröffnet wird.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Oder wussten Sie, dass in der Landeshauptstadt die Modezeitschrift „Elsa“ mit einer Auflage von 200000 produziert wurde? Oder dass der Perlonstrumpf der Firma Tilly hier seine Wiege hatte? Und haben Sie schon einmal einen Krawatten-Bügler gesehen? Eineinhalb Jahre lang wurde an der Ausstellung rund um die Mode der 1950er bis 1970er Jahre gearbeitet. Noch bis zum 3. April ist sie zu sehen.

 Ach, was waren die Kieler doch schick! Zum Beispiel Marie Luise Westphal, die Gattin des HDW-Werftdirektors, die Anfang der 1960er Jahre immer wieder ihre Auftritte hatte: Neben ihr sah selbst Operndiva Maria Callas, die zu einem Stapellauf nach Kiel gekommen war, blass aus. Stets mit extravagantem Hut, oft mit fünfreihiger Perlenkette und Pelzmantel gekleidet, gab sie den wichtigsten gesellschaftlichen Ereignissen den nötigen Glanz. „Sie war die Kieler Mode-Ikone schlechthin“, erzählt Museumsdirektorin Dr. Doris Tillmann und zeigt auf eine Fotocollage an der Wand. Doch lieber eines nach dem anderen. „Malu“ Westphal stammt ja schon aus der Blütezeit des Wirtschaftswunders. Kein Wunder, dass sie so schön war.

Die Ausstellung beleuchtet thematisch die Nachkriegszeit in Kiel. Dabei geht es um neue Wirtschaftskonzepte der Jahre nach Kriegsende, in denen auch die Konsumwarenherstellung wie die Textilbranche in Kiel eine Rolle spielte, etwa mit Schneidereien, Bekleidungsgeschäften, einem Modeverlag oder der Stumpffabrik Tilly.

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 Zwei Räume weiter geht es richtig los. Kiel lag in Schutt und Asche. Überall herrschte Notstand. Doch vor allem die Frauen wussten sich zu helfen. Aus alten Sackleinen zauberten sie modisch schicke Blusen mit eleganter Taillenform. Aus den englischen Fallschirmen, die tatsächlich aus echter Seide gemacht waren, wurden flotte Sommerkleider. „Die Trägerin wird aber verzweifelt sein, denn die Seide ließ sich wahnsinnig schwer bügeln“, erzählt Doris Tillmann. Nach und nach wurde die Kieler Industrie wiederbelebt. Unter dem Motto „Kiel stellt sich um“ wurden bei Elac, die bisher auf Tauchgeräte spezialisiert waren, Nähmaschinen hergestellt. Bei MaK standen sogenannte Krempelmaschinen, die Schafwolle kämmten, und die Metallfirma Hertel und Richter produzierte plötzlich Strickmaschinen. Den Wirtschaftskonzepten der Alliierten sei Dank.

 So erwachte auch die Strumpffirma Tilly am Ostufer zu Leben. Sie lieferte das Pendant zu den heißbegehrten Nylons aus Amerika, nur eben aus Perlon. Ohnehin hatten die Kunstfasern ihren absoluten Höhepunkt. „Sie hatten das Image von Sauberkeit, Modernität und Fortschrittlichkeit“, berichtet die Museumsleiterin. „In der Praxis blieb der Tragekomfort dieser Textilien aber weit hinter den Werbeversprechen zurück. Sie sind weder haltbar noch wärmend oder atmungsaktiv.“

Stücke bei Ebay ersteigert

 Eine Vitrine weiter liegen Ausgaben der Zeitschrift „Elsa“, die ein großes Büro am Alten Markt hatte. Hier wurden Schnittmuster entworfen und Strickanleitungen ausgeklügelt. Die Heimproduktion blühte. Aus dem Magazin des Museums wurde eine „Knittax“ hervorgekramt, ein Ungetüm von Strickmaschine fürs Wohnzimmer. „Ein älterer Museumshandwerker wusste zum Glück noch, wie sie funktioniert und auch, wie die Beine aussahen, denn die waren abgebrochen“, sagt Doris Tillmann. Kurzerhand baute er sie nach. Etliche der Exponate wurden einst von Bürgern gespendet und lagerten im Museums-Depot. Einige Stücke ersteigerte die Museumschefin aber auch bei Ebay. So ein weißes Sommerkleid der Kieler Schneiderei „Hoenig“. Zusammen mit weiteren Modellen bildet es nun im großen Schaukasten das Zentrum der Ausstellung.

 Über all die Jahre bleibt die Rolle der Frau unverändert. Auch das zeigt die Ausstellung. Der Hausfleiß wurde großgeschrieben. Plakate, aber auch die Fotos des ehemaligen KN-Fotografen Friedrich Magnussen veranschaulichen dies. Bei den Herren spielte der Auftritt im Beruf eine große Rolle. Weiße Hemden noch mit Original-Banderole der Kieler Wäscherei „Frauenlob“ liegen in der nächsten Vitrine. „Mit weißen Hemden sollten auch die dunklen Flecken der Vergangenheit getilgt werden“, so Tillmann. Direkt daneben liegt besagter Krawatten-Bügler – ein langer Heizstab, der in die Krawatte gesteckt die Knitterfalten glättet. Der Rundgang endet mit den 70er Jahren. Ein Kunststoffmantel in schrillem Orange, ein roter Schlapphut und Jeans-Hotpants zeigen: Auch die Kieler konnten sexy.

„Kieler Chic“, 6. Dezember bis 3. April, Stadtmuseum Warleberger Hof, Dänische Straße 19. Di - So 10 - 17 Uhr, Eintritt 3 Euro.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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