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Mit Zuversicht in die Zukunft

Kieler Fenster Mit Zuversicht in die Zukunft

„Ich bin jemand, den es total häufig gibt, der aber nicht auffällt“, sagt Christian Sach und setzt sich neben den geschmückten Weihnachtsbaum. Der 54-jährige ehemalige Physiotherapeut ist zu Gast im Café Lü, dem Treffpunkt des Kieler Fensters, das seit 30 Jahren erwachsene Menschen mit psychischen Schwierigkeiten und deren Familien unterstützt.

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„Hier fängt man mich auf“, sagt Tania Apenburg, die zwei Mal die Woche hinterm Tresen hilft.

Quelle: Volker Rebehn

Kiel. Jetzt am 2. Weihnachtsfeiertag sind die Räume in der Alten Lübecker Chaussee voll. Mehr als 20 Gäste sind gekommen, um sich auszutauschen, Kaffee und Kuchen zu genießen und Geborgenheit zu spüren.

 Bevor Christian Sach zum Kieler Fenster kam, war er ein ganz normaler Mann. „Ich habe meine Arbeit geliebt. Ich bekam Anerkennung, mochte die Patienten, verdiente Geld, und mein Tag war strukturiert“, sagt er. „Doch irgendwann kippt es. Innerhalb eines Jahres musste ich 20 Prozent mehr arbeiten. Ein psychisch gesunder Mensch kann das wuppen. Ich nicht.“ Zwei Jahre lang arbeitete der Kieler permanent über dem Limit, dann hat ihn 2006 die Psyche aus seinem Leben katapultiert. Erwerbsunfähigkeitsrente, Behindertenstatus, nicht mehr zur Gesellschaft gehörend. So schnell kann es gehen.

 „Ich sehe oft auf dem Arbeitsmarkt psychisch Kranke“, sagt er. „Sie haben aber den Vorteil, dass sie noch Leistung bringen. Ein Großteil der Gesellschaft befindet sich im Hamsterrad und ist nur damit beschäftigt, nicht rauszufliegen.“ Die ursprünglichen Fragen und Motivationen – was macht mir Freude, was sind meine Talente, was sind meine Ressourcen – spielten immer weniger eine Rolle. „Heute fragt man: Wie sicher ist der Arbeitsplatz, wie viel kann ich verdienen.“

 Rausgekickt aus dem Leben wurde auch Tania Apenburg. Die 54-jährige ehemalige Soziologie-Studentin steht zwei Mal die Woche hinterm Tresen des Café Lü. Die hochgewachsene Frau mit den Zöpfen und der Persianer-Weste (“Ein Fundstück aus der Kleiderbörse. Drei Nächte lang hab’ ich von toten Lämmern geträumt“) bezeichnet das Café in Krisenzeiten als einzigen Ort, von dem sie aufgefangen werde. Sieben Jahre lang (von 1985 bis 1992) war sie 17 Mal in der Psychiatrie. „Ich bin ein Drehtürpatient“, sagt sie lachend und füllt den nächsten Kaffeebecher voll. 80 Cent kostet das Getränk, Mittag gibt es schon ab 3,50 Euro. Jeden Tag ist geöffnet.

 „Ich weiß selbst von mir, ich bin verrückt“, sagt Tania Apenburg, doch das Kieler Fenster gebe ihr Halt. In Fortbildungen wurde sie zur Tresenkraft und zur „Expertin aus Erfahrung in Gesundheitsfürsorge“ ausgebildet. Seitdem ist die Einrichtung eine Art Zuhause für sie geworden. „Sozial emphatische Menschen werden häufiger psychisch krank“, sagt sie. „In vielen Ländern sind solche Menschen Schamanen, hier aber sind sie krank.“ Ein 55-jähriger Mann am Nachbartisch nickt zustimmend. Seinen Namen will er nicht nennen. „Heutzutage kann man erzählen, dass man eine Herz-OP hatte, nicht aber, dass man psychisch krank ist.“ Eine Zeit lang habe er regelmäßig die Malgruppe besucht, jetzt komme er im Schnitt alle 14 Tage und genieße den selbst gebackenen Kuchen. „Hier teilt man ein Stück Leben“, sagt er.

 Sozialpädagogin Silke Gafall guckt auch heute nach dem Rechten. „Uns ist wichtig, dass wir niedrigschwellig für jeden da sein können. Hier ist ein geschützter Bereich. Niemand muss sagen, wie er heißt oder was er hat. Jeder kann einfach nur herkommen und die Gemeinschaft genießen“, sagt die 36-Jährige. Heiligabend waren 60 Leute da, es gab Rouladen und sogar Weihnachtsgeschenke.

 Christian Sach sortiert einen Tisch weiter seine Unterlagen. Vom Patienten ist er über die Jahre zum ehrenamtlichen Mitarbeiter geworden. In verschiedenen Arbeitsgruppen engagiert er sich. „Die Erwerbsfähigkeit ist entscheidend, ob ich zur Gesellschaft gehöre oder nicht“, sagt er nachdenklich und muss ein paar Sekunden später schon lächeln. „Wenn ich zehn, 20 Jahre zurückgucke, bin ich erschrocken, was für ein oberflächlicher Mensch ich war. Der Gewinn meiner Krankheit ist das Bewusstsein.“ Von „normalen“ Menschen wünsche er sich, dass sie ohne Sendungsbewusstsein mit den Kranken kommunizieren könnten. Wertfreies Zuhören, keine Verurteilung und keine Lösungsvorschläge. Langsam packt er seine Unterlagen ein. „Ich bröckel jetzt weg“, sagt er entschuldigend. Nicht immer reiche die Kraft für Unterhaltungen. Früher habe er das Leben nur mit Alkohol überstanden. „Zwei Kisten Bier am Wochenende waren normal“, sagt er. Heute ist er glücklich mit einer Cola Light. Ein kurzes Winken zu Tania Apenburg hinterm Tresen. „Man sieht sich.“ Langsam verschwindet Christian Sach in der dunklen Nacht. Auf den Kieler Straßen, ein Mensch, wie Du und ich.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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