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Kieler fliesen den Alten Elbtunnel

Hamburg Kieler fliesen den Alten Elbtunnel

Als der St. Pauli-Elbtunnel anno 1911 eröffnet wurde, war er eine technische Sensation. Doch die Zeit nagt – auch an der Dichtigkeit des Jahrhundertbauwerkes. Damit das Hamburger Wahrzeichen noch weitere 100 Jahre genutzt werden kann, saniert die Hamburg Port Authority (HPA) derzeit die östliche Tunnelröhre. Den Auftrag für die Fliesenarbeiten sicherte sich ein Unternehmen aus Kiel.

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Ende April sollen die Fliesenarbeiten abgeschlossen sein, bis zu 20 Mitarbeiter der Kieler Firma Rabe sind täglich vor Ort.

Quelle: Ulf Dahl

Hamburg/Kiel. Eigentlich ist das eine ganz normale Baustelle: behelmte Arbeiter, Kreissägenlärm, Leuchtstoffröhrenlicht und dezent-feuchter Mörtelgeruch. Und natürlich Musik für die gute Laune: „Love Me Like You“ tönt die Stimme von Ellie Goulding aus dem Bauarbeiterradio.

 Und doch: Irgendwie ist es hier anders. Wenn man mit den Augen das Ende der Baustelle zu erfassen sucht, bekommt man einen Tunnelblick, der sich im Nichts zu verlieren scheint: 426,5 Meter sind es vom Nord-Eingang St.-Pauli-Landungsbrücken bis zum Südeingang auf der Elbinsel Steinwerder.

 Natürlich hat sich Heiner Hedicke (70) riesig gefreut über den Zuschlag für diesen Vorzeigeauftrag im Dezember vergangenen Jahres: „Alle im Betrieb sind mit Stolz geschwellter Brust durch die Gegend gelaufen“, sagt der Geschäftsführer der Kieler Firma Rabe, ein Familienunternehmen mit 40 Beschäftigten. Doch am Anfang kam angesichts der Dimensionen immer mal wieder die Frage hoch: „Wie sollen wir das schaffen?“ Gut 20 Meter unter Wasser 5500 Quadratmeter Fliesen zu verlegen, vom Denkmalschutz streng beäugt – das ist schon etwas anderes als die Bad-Sanierung um die Ecke.

 Einerseits muss auf jedem der 426,5 Meter Tunnellänge alles perfekt sein, damit das Bauwerk seinen Charme behält: Material, Maßgenauigkeit, Harmonie der Fluchtlinien. „Wir haben hier nur minimale Fugenbreiten, so wie man vor 100 Jahren gearbeitet hat“, sagt Hedicke und fährt mit dem Finger zwischen zwei Wandfliesen entlang. Die weißen Steinzeugfliesen – fünf mal neun Zentimeter für die Tunneldecke, 14,7 mal 14,7 Zentimeter für die Wände – gibt es nicht einfach so zu kaufen, sie werden extra von einem Fliesenwerk in Boizenburg gebrannt, mehr als 350000 Stück mit einem Gesamtgewicht von 100 Tonnen. Palette für Palette wird mit dem historischen Tunnelfahrstuhl in die Tiefe befördert. Nicht zu viel Material auf einmal, denn der Platz ist knapp.

 Perfekt sein muss aber auch, was man nicht sieht. Die 20 Tonnen Kleber zum Beispiel. Denn in der engen Tunnelröhre sind die Fliesen durch den Autoverkehr vielfachen Belastungen ausgesetzt: Erschütterungen, Sog, Druck. Über Jahre hatte Hedicke mit der Industrie gemeinsam spezielle Klebermischungen ausprobiert. Nun zeigen die Zugtests im Tunnel: „Wir sind auf der sicheren Seite.“

 Andererseits: Zu viel Perfektion ist auf einer derart geschichtsträchtigen Baustelle auch nicht gewünscht. Anders als heute wiesen Fliesen vor hundert Jahren noch spürbare Farbnuancen aus. So muss es also auch im sanierten Elbtunnel sein. Damit das Gesamtbild stimmt, dürfen die Fliesen natürlich nicht wahllos verlegt werden, sondern harmonisch durchmischt in sieben Farbnuancen.

 Bis Ende April sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. „Wir sind unserem Zeitplan deutlich voraus“, sagt der Rabe-Chef, der dreimal die Woche auf der Baustelle nach dem Rechten sieht. Bis zu 20 Mitarbeiter sind täglich vor Ort. Einer von ihnen ist Rolf Klewsaat (55). „Natürlich ist das ein besonderer Auftrag“, sagt der Fliesenleger. „Schließlich gibt es dieses Bauwerk nur einmal auf der Welt.“

 Stimmt. Doch dieser Stolz muss auch über manchen Nachteil auf so einer Baustelle hinwegtrösten. Auf Dauer ziemlich anstrengend ist zum Beispiel das Decke-Fliesen über Kopf in vier Metern Höhe. Und die schöne Gewissheit, ein Stück Hamburger Geschichte neu zu beleben, entschädigt auch für manch’ fehlende Geste zwischenmenschlicher Wärme. Hier im Tunnel kriegt man nicht ab und zu einen Kaffee angeboten, so wie das bei der Bad-Sanierung um die Ecke durchaus üblich ist.

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Ein Artikel von
Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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