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„Noch immer ein anderer Planet“

Gefängnis-Pastor Martin Hagenmaier „Noch immer ein anderer Planet“

40 Jahre war er Pastor, davon 22 Jahre Gefängnisseelsorger in Kiel: Jetzt zum Abschied in den Ruhestand hatte sich Martin Hagenmaier einen Ausblick auf den Strafvollzug anno 2035 gewünscht. Doch die Strafgefangenen der JVA sorgten am Dienstag dafür, dass es eine Diskussion um heutige Probleme in der Kieler JVA wurde.

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Ein unbeugsamer Gefängnisseelsorger, der die Sicherheitsbestimmungen nach Aussage des Anstaltsleiters gebogen hat wie ein Kirchengewölbe: Martin Hagenmaier (65) war mehr als zwei Jahrzehnte in der Justizvollzugsanstalt Kiel tätig.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Immer weniger Fachpersonal, mehr Technik, dadurch neue Möglichkeiten für Überwachung und für ambulanten Vollzug – Anstaltsleiter Jan-Geerd Dose, die emeritierte Kriminologie-Professorin Monika Frommel und Jürgen Kilian-Georgus vom Justizministerium waren sich weitgehend einig über den Strafvollzug in 20 Jahren, als ihnen ein Strafgefangener in die Parade fuhr. „Das ist doch alles Schöngerede“, sagte er unter dem Applaus anderer Häftlinge, „warum reden wir nicht über das, was heute geändert werden muss?“ Das größte Problem sei, dass 240 Leute eingeschlossen würden, wenn ein Strafgefangener zum Arzt müsse. „Dann müssen ihn zwei Beamte begleiten und es ist so wenig Personal übrig, dass wir alle auf unsere Zellen müssen“, kritisierten Häftlinge. Ein Abteilungsleiter bestätigte das im Grundsatz. Ursache sei vor allem der hohe Krankenstand unter den Vollzugsbeamten.

Die Personalsituation führt nach Aussage Inhaftierter auch dazu, dass sie nicht mehr an der Fußball-Landesmeisterschaft der JVA teilnehmen können. „Früher konnten wir da mit zwei Bussen hinfahren – heute fehlt das Begleitpersonal dafür“, berichtete ein Häftling. Auch dieser Kritik wurde nicht widersprochen. Allerdings sah sich ein Justizvollzugsbeamter genötigt, auch an die Verbesserungen im Strafvollzug zu erinnern. Er habe noch Zellen für vier und acht Männer erlebt. Um 23 Uhr seien Strom und Licht ausgedreht worden. Und eine Chance auf einen Fernseher habe nur der Häftling gehabt, der Baustellenlärm ertragen musste. Kilian-Georgus vom Justizministerium wies daraufhin, dass heute viel mehr für Resozialisierung getan werde. So sei allein der Betrag für Ausbildung und Qualifizierung von Strafgefangenen seit 2006 mindestens verdreifacht worden.

 Doch all das reicht in den Augen der Strafgefangenen nicht. Sie beklagten am Dienstag immer wieder zu wenig Kontaktmöglichkeiten nach draußen: Zwei Stunden Besuch im Monat seien zu wenig, um den sozialen Kontakt zu den Familien, vor allem zu Frauen und Kindern aufrechtzuhalten. Mehr Besuch, mehr Sozialtherapie forderte ein Strafgefangener, „denn nur wenn wir empfinden, was unsere Taten für die Opfer bedeuten, werden wir hier nicht wieder landen.“

 Pastor Martin Hagenmaier, eigentlich die Hauptperson der Veranstaltung, gefiel die Diskussion offenbar. Der Gefängnisseelsorger gilt nicht nur als Querdenker und eigenwilliger Kopf, sondern hat sich schon immer für mehr Kommunikation innerhalb der JVA, aber auch nach draußen eingesetzt. Die Dauerwartelisten von zehn bis 20 Inhaftierten würden ihm zeigen, wie groß der Wunsch nach Kommunikation ist. Auch vor Gesprächswünschen mit Ehefrauen und Familien Inhaftierter habe er sich kaum retten können.

 „Der Knast ist noch immer ein anderer Planet“, lautet das Fazit von Hagenmaier, der zuerst als Gemeindepfarrer, dann 15 Jahre im Klinikum für Psychiatrie in Neustadt arbeitete, bevor er sich 1993 als Seelsorger um die Inhaftierten und Mitarbeiter der JVA Kiel und zeitweise auch in der Abschiebehaft Rendsburg kümmerte. Parallel dazu hat er 2009 promoviert und kürzlich ein Zweitstudium in Kriminologie abgeschlossen. Auch im Ruhestand will der 65-Jährige weiter Empathie-Training anbieten. Was er sich für die JVA wünscht? „Dass der allgemeine Vollzugsdienst aufgewertet wird. Und dass dies ein Ort der Begegnung wird, wo Täter und Opfer ins Gespräch kommen, Familien sich zu Aktivitäten treffen, wo Kommunikation im Vordergrund steht und nicht Disziplinierung.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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