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Herz und Schmerz im Harz

Kieler Hütte Herz und Schmerz im Harz

Der erste Kuss, die erste Liebe, die erste Zigarette, die ersten Berge: Auch wenn die Klassenfahrten zur „Kieler Hütte“ oft schon Jahrzehnte zurückliegen, sind solche Erinnerungen daran offenbar nach wie vor quicklebendig.

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KIEL. Das belegen die vielen Zuschriften und Kommentare der Leser, die unserem Aufruf zur Schilderung ihrer Erlebnisse in dem vor einigen Wochen abgerissenen Bergschulheim in St. Andreasberg im Harz folgten.

Für Nina und Torsten Borgstahl sollte die Klassenabschlussfahrt zur „Kieler Hütte“ vor fast genau 36 Jahren sogar zu einer schicksalhaften Begegnung führen. Schon am ersten Tag „verknallte“ sich die damals 16-jährige Nina in einen Jungen „mit Knopfaugen“ , den sie zunächst aber nicht anzusprechen wagte. Schließlich hatte sie ihn noch nie zuvor gesehen, denn er besuchte eine andere Kieler Schule und bemerkte erst einmal nichts von Ninas heimlicher Schwärmerei. Am letzten Tag der Schulfreizeit fasste sich Nina bei der Abschiedsparty am 4. Februar 1980 dann ein Herz und „krallte“ sich ihren „süßen“ Schwarm. Zunächst flossen zwar heiße Tränen während der ganzen Bus-Heimfahrt, weil Nina ein Wiedersehen für ausgeschlossen hielt. Doch es kam anders. Acht Jahre später heirateten die beiden. Seitdem feiern Nina und Torsten ihren Kennenlerntag auf der „Kieler Hütte“ am 4. Februar. „Und immer, wenn wir hier in Kiel mal wieder Schnee haben, erinnern wir uns an eine tolle Klassenfahrt: an Windbeutel mit Vanilleeis in einem Café in St. Andreasberg, an Schneeballschlachten und verknotete Beine beim Skilaufen.“

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Auch für Erich Orschakowski ist die Zeit auf der „Kieler Hütte“ im November 1960 lebendig geblieben – wenn auch nicht nur mit guten Erinnerungen: „Unsere Lehrer waren ja von ihrer Haltung her noch halbe Soldaten, da gab es selbst bei kleinen Vergehen öfter mal Prügel.“

So wimmelt es in dem selbst gebastelten Buch über den Schullandheim-Aufenthalt des heute 70-Jährigen in den vielen Berichten seiner Klassenkameraden nur so von Ohrfeigen für heimliche Raucher oder Stockschlägen für nächtliche Ruhestörer. Die damals 15-jährigen Kieler Jungs der Herder-Schule revanchierten sich auf ihre Weise: mit Abführmitteln im Essen ihrer Peiniger oder mit Zahnpasta auf Türgriffen der Lehrerstuben.

Außer Wanderungen und Freizeitspaß gab es für die ersten Besucher-Jahrgänge der „Kieler Hütte“ aber auch regelrechte Arbeitseinsätze, weil das Gebäude noch nicht ganz fertiggestellt war. Mit Schaufel und Schubkarren bewaffnet, schleppten die Jungs der Herder-Schule zum Beispiel tonnenweise Sand und Kies, um die Wege zu befestigen. „Das war ziemlich anstrengend und kam für uns völlig überraschend.“

Auch Ursula Maxeiner (geborene Tams) erinnert sich an die Provisorien der frühen Jahre. Anfang Mai 1960 war das Schullandheim noch nicht eingeweiht, weil sich die Bauarbeiten verzögerten: „So stolperten wir im Waschraum noch über die Farbeimer.“ Die erste Begegnung ihres Lebens mit den Bergen im Harz hat bei der Kielerin offenbar nachhaltige Wirkung entfaltet: „Die Liebe zu den Bergen ist bis heute geblieben.“

Auch auf Facebook teilen User ihre Erlebnisse auf der „Kieler Hütte“. So berichtet Britta Janzen von „wilden Partys im Zimmer ,Elend’, über langweiligen Langlauf und ekligen Hagebuttentee.“ Dirk Adam musste die Heimreise antreten, „nachdem man mich nachts bei den großen Mädchen im Zimmer fand. Lustige Zeit, das Wandern war ’ne Qual.“ Bernd Perthun erinnert sich ebenfalls an wunderschöne Wochen: „Heimleiter Fischer hatte eine süße Tochter, in die war ich damals verliebt.“

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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„Kieler Hütte“
Foto: Junge Damen? Unter den Kopftüchern verbargen sich Jungs der Heinrich-von-Stephan-Schule in Friedrichs- ort, die sich 1960 einen Spaß mit dem Geschlechterrollentausch erlaubten.

„Wie schade, dass es sie nicht mehr gibt“: Das ist der Tenor vieler Leser-Zuschriften, die die Redaktion nach dem Bericht zum Abriss der „Kieler Hütte“ immer noch erreichen. Außer Wehmut mischen sich in die Berichte über die Schullandheim-Aufenthalte im Harz aber auch noch jede Menge größtenteils schöne Erinnerungen.

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