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Hilfseinsatz mitten in Afrika

Kieler Krankenschwester Hilfseinsatz mitten in Afrika

Das war mutig: Anfang des Jahres ging die Krankenschwester Kathinka Degen mit der Hilfsorganisation Cap Anamur für sechs Monate in die Zentralafrikanische Republik. In dem Binnenstaat herrscht seit 2013 ein blutiger Konflikt zwischen Christen und Muslimen; Hunderttausende sind auf der Flucht.

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Damit die Menschen für medizinische Hilfe nicht viel mehr als zehn Kilometer Fuß gehen müssen, hielten Kathinka Degen und die anderen Cap-Anamur-Helfer auch Sprechstunden in der Provinz ab.

Quelle: privat

Kiel. Doch das schreckte die Kielerin nicht ab. Denn nicht die Angst, in den Bürgerkrieg zu geraten, überwog, sondern „die Lust auf Abenteuer, und mein Wunsch zu helfen und zu lernen“. Gegen alle Prognosen fiel Kathinka Degens Aufenthalt zwischen Januar und Juni dann in eine politisch ruhigere Phase. Der Papst hatte gerade das Land besucht und ein neues Staatsoberhaupt war gewählt worden. So bekam die Kielerin auch keine bewaffneten Rebellen zu Gesicht, wohl aber die Armut der Bevölkerung. Die 35-Jährige, die sonst in Kiel im städtischen Krankenhaus auf der internistischen Intensivstation spezialisiert arbeitet und sich jetzt mitten in Afrika in einem Krankenhaus von der Chirurgie über Geburtshilfe und Kinderstation in alle medizinischen Bereiche einbrachte, erlitt keinen Kulturschock: „Ich war bereits im Kongo im Einsatz und wusste ungefähr, was mich erwartet.“ Dennoch war sie aufgewühlt: „Wenn ich die Kinder sah, abgemagert, barfuß und in Lumpen – dann wollte ich sie manchmal schon gern einsammeln, versorgen und einkleiden.“ Mitleid ist ein Gefühl, das sie häufiger überkam als sonst: „Dort ist es schon schwieriger, für sich eine persönlich Grenze zu ziehen.“

"Zu wenig Vitamine und Nährstoffe"

Das Krankenhaus, in dem Degen für sechs Monate arbeitete, liegt in Bossembélé, etwa 160 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Bangui und versorgt monatlich rund 450 stationäre und mehr als 5000 ambulante Patienten. Mit weiteren Cap-Anamur-Kollegen – einem Logistiker, einem Architekten und einer weiteren Krankenschwester, die später durch einen Arzt abgelöst wurde – bewohnte Degen auf dem Klinikgelände ein eigenes Haus. Ihr Arbeitstag ging von 7.30 bis 15 Uhr. Malaria, HIV, Tuberkulose und Durchfallerkrankungen – das waren die Hauptleiden, um die sie sich kümmern musste. „Die pflegerische Arbeiten übernehmen in Afrika aber die Angehörigen vor Ort“, berichtet sie. Ihre Aufgabe bestand darin, die Ärzte bei der täglichen Visite zu begleiten, den Umzug der Apotheke in ein neues Gebäude zu organisieren sowie das heimische Personal über Fragen der Hygiene und Arbeitsorganisation zu schulen.

Verständigung auf Französisch

Mit dem Personal verständigte sie sich auf Französisch und lernte die Mentalität der Einheimischen kennen: „Sie arbeiten sehr viel langsamer als wir – aber bei der Außentemperatur bis 40 Grad ist es vielleicht auch kein Wunder. Außerdem sind sie weniger pünktlich und weniger genau.“ Daneben hatte Degen, ebenso wie das heimische Pflegepersonal, Aufgaben, die in Deutschland nur Ärzte erledigen: In der Klinik und in den Außenposten übernahm sie mit ihren Mitstreitern komplett die Sprechstunden. „In Afrika gibt es nicht wie bei uns Hausärzte. Die Menschen konsultieren mit all ihren Beschwerden das Krankenhauspersonal.“ Hierbei hatte sie es auch häufig mit mangelernährten Kindern zu tun: „Hauptnahrungsmittel in der Zentralafrikanischen Republik ist eine Wurzel namens Maniok. Sie wird zu Mehl gerieben, mit heißem Wasser vermengt und zum Beispiel zu einem großen Kloß geformt und dann nur mit Soße gegessen.“ Doch Maniok enthält zu wenig Vitamine und Nährstoffe. „Daher mussten wir viele Kinder systematisch mit Milch wieder aufgepäppeln.“

"...es wird sich nichts ändern..."

Das Elend hat Kathinka Degen inzwischen hinter sich gelassen. Nach sechs Monaten in Afrika gönnte sie sich eine ausgiebige Shoppingtour und einen Monat Urlaub. Danach wird es zurück in ihren Klinikalltag gehen. Ob sie einen weiteren Auslandseinsatz wagen soll, ist sie sich noch nicht sicher. Lust hätte sie schon. „Man ist entspannter, wenn man zurückkommt. Afrika entschleunigt.“ Ihr Lebensgefährte Stefan Mann, der als Arzt ebenfalls im Städtischen Krankenhaus in Kiel arbeitet und während ihres Afrikaaufenthaltes „nicht ganz unbesorgt“ war, schließt für sich solche Einsätze aus: „Einerseits ist es aller Ehren wert. Aber so gut diese Projekte gemeint sind, es ist doch nur ein Herumdoktern an Symptomen. Solange wir auf Kosten dieser Länder leben, wird sich strukturell nichts ändern.“

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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