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„Demokratiefeinde“ am Online-Pranger

"Kieler Liste" „Demokratiefeinde“ am Online-Pranger

Eine ominöse Internetseite offenkundig rechtsextremistischer Aktivisten beschäftigt Polizei und Politik. Auf der „Kieler Liste“ sind Profile und Fotos von etwa 15 gesellschaftlich und politisch engagierten Personen im Netz veröffentlicht worden.

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Böse Überraschung beim Surfen: Lasse Petersdotter fand ein Profil über sich auf einer rechten Internetseite.

Quelle: hfr

Kiel. Die aufwendig gestaltete Webseite ist kurz nach der Freigabe wieder abgeschaltet worden – ob nur vorübergehend oder dauerhaft, ist unklar.

„Ich bin von unterschiedlichen Leuten auf die Seite aufmerksam gemacht worden“, sagt Lasse Petersdotter, Sprecher der Grünen Jugend Schleswig-Holstein. Der 25-Jährige engagiert sich seit Jahren im Kampf gegen Rechts, setzt sich für gesellschaftliche und kulturelle Vielfalt ein, engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. „Auf der Webseite habe ich nicht nur Fotos von mir gefunden, offenkundig haben die Verantwortlichen detailliert meinen Lebenslauf recherchiert und meine Aktivitäten in sozialen Netzwerken untersucht“, berichtet Petersdotter.

Zu seiner Überraschung fanden sich auch Kurznachrichten von Twitter, die zum Teil bereits eineinhalb Jahre alt sind, auf der Seite. „Es war auch ein Foto von mir abgebildet, das mich am Rande einer Demonstration gegen die AfD in Kiel zeigt“, berichtet der Lokalpolitiker. Neben ihm sind Profile von insgesamt 15 Personen angelegt worden. Öffentlich werden sie als „Demokratiefeinde in Kiel“ gelistet. „Teilweise sind sogar die Verbindungen der Betroffenen untereinander dargestellt worden“, so Petersdotter. Nicht bei allen Personen handele es sich dabei um politisch oder gesellschaftlich Aktive, die wie er bewusst in der Öffentlichkeit stehen. Aus diesem Grund will der Grünen-Politiker auch keine anderen Betroffenen nennen.

„Mit dem Erstellen von Listen gegen linke Aktivisten greift die rechte Szene in Kiel ganz tief in die braune Mottenkiste“, sagt der Kieler und spricht vom Versuch der Einschüchterung. Dafür spreche allein ein blutverschmiertes Wappen der Stadt Kiel im Kopf der Webseite. Es lasse sich gegenwärtig allerdings nicht sagen, ob tatsächlich eine Gefahr für irgendeinen der Betroffenen ausgehe. Direkt zur Gewalt wird auf der Internetpräsenz nicht aufgerufen. „Für mich steht allerdings fest, dass ich mich niemals von Nazis und anderen rechten Brandstiftern einschüchtern lasse und mein Engagement für ein solidarisches Miteinander weiterführen werde“, sagt Petersdotter.

Die „Kieler Liste“ ist unterdessen im Internet zurzeit nicht mehr abrufbar. Ob die Präsenz vorübergehend oder dauerhaft offline genommen worden ist, ist unklar. Ein ungutes Gefühl für die Betroffenen: „Nur weil die Internetseite nicht mehr aufrufbar ist, verschwinden nicht die Informationen, die über uns gesammelt wurden“, so Petersdotter.

Nach Recherchen der Kieler Nachrichten ist die betreffende Webseite über einen Internetdienstleister in der Landeshauptstadt eingerichtet worden. Die Betreiber der Seite haben ihre Identität geschickt verschleiert: Angeblich sitzt der Inhaber in den Vereinigten Staaten – in einem Ort, den es in den USA gar nicht gibt.

Beim Landeskriminalamt in Kiel ist die Seite bereits bekannt: „Es gibt über die ,Kieler Liste’ hinaus mehrere vergleichbare Fälle“, sagt Behördensprecher Uwe Keller. Ziel der Webseite sei zweifelsohne, die abgebildeten Personen an den virtuellen Pranger zu stellen und Druck auf die Personen auszuüben. „Strafrechtlich ist dies allerdings nur schwer zu greifen“, sagt der LKA-Ermittler und appelliert: „Wer sich geschädigt oder bedroht fühlt, sollte in jedem Fall Strafanzeige bei der Polizei erstatten.“

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Online-Pranger
Subtile Drohung: Auf der abgeschalteten Webseite war auch ein blutverschmiertes Stadtwappen zu sehen.

Die ominöse Internetseite „Kieler Liste“ beschäftigt jetzt die Kriminalpolizei. Das Kommissariat 5 für Staatsschutzsachen hat die Ermittlungen übernommen. Mehrere Geschädigte, die auf dem Online-Pranger mutmaßlich rechtsextremer Aktivisten genannt worden sind, haben Strafanzeige erstattet.

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