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Dem Tod auf der Spur

Kieler Rechtsmedizin Dem Tod auf der Spur

Was am Kieler Institut des Universitätsklinikums alles geleistet wird, erläuterte Prof. Johanna Preuß-Wössner, Direktorin der ältesten Rechtsmedizin Norddeutschlands, am Montag Gesundheitsministerin Kristin Alheit – als Dank für die Erhaltung des Instituts.

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Prof. Johanna Preuß-Wössner erläutert im Beisein von Dekan Prof. Ulrich Stephani (hinten links) und UKSH-Chef Prof. Jens Scholz Sozialministerin Kristin Alheit die Arbeit im Sektionssaal. Der Fall ist noch nicht abgeschlossen, aber: „Es sind alles Tierknochen.“

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Anmeldung, Kontrolle, Unterschrift – der Zugang zur Rechtsmedizin ist streng reglementiert. Schließlich muss nachgewiesen werden können, dass hier keine Spuren hinzugefügt oder vernichtet werden, nichts manipuliert wird. Denn die Rechtsmedizin liefert oft das entscheidende Puzzleteil zur Aufklärung von Gewaltverbrechen. So werden allein rund 450 Leichen jedes Jahr seziert, um die Todesursache zu klären. In rund 350 Fällen wird die Obduktion von der Staatsanwaltschaft angeordnet, weil der Verdacht besteht, dass kein natürlicher Todesfall vorliegt. Um die Leichname vor äußeren Einflüssen zu schützen, werden sie bis zur Sektion bei vier Grad in Stahlkammern aufbewahrt. Rosemarie Nielsen bereitet gerade die nächste Obduktion für die Ärzte vor. Später wird die Präparatorin dann den Leichnam wieder so herrichten, dass die Angehörigen würdig Abschied nehmen können.

Nebenan im Sektionssaal ist nur ein Tisch belegt: Ein paar Papiertüten stehen darauf, daneben liegen Knochen verschiedener Größe. Dahinter steckt eine merkwürdige Geschichte: Zwei Männer erschienen bei der Kripo und gaben an, vor 30 Jahren in einem Waldstück einen Damenschuh mit einem Fuß gefunden zu haben. Da zu der Zeit tatsächlich eine Frau verschwand, wurde daraufhin das Waldstück genau untersucht. „Alles, was hier auf dem Sektionstisch liegt, wurde in dem Waldboden gefunden. Ich kann aber jetzt schon sagen, dass es sich ausschließlich um Tierknochen handelt“, erklärt Johanna Preuß-Wössner. Dass aufmerksame Bürger Knochen anliefern, ist übrigens nicht ungewöhnlich. „Rehknochen werden oft mit menschlichen Überresten verwechselt. Und die Vorderextremitäten von Robben werden uns gerne einmal als Hände von Toten angeliefert. Die besten Knochensucher sind aber Pilzsammler und Kinder.“

 Doch nicht nur gerichtliche Sektionen finden in dem – an diesem Tag geruchsfreien – Saal statt. 90 bis 120 Mal im Jahr passiert es, dass bei der zweiten Leichenschau, die vor einer Kremierung vorgeschrieben ist, dem Amtsarzt Zweifel an einem natürlichen Tod kommen. So mussten die Rechtsmediziner kürzlich eine alte Dame untersuchen, die von ihrem Sohn tot aufgefunden worden war. Der Arzt hatte im Krematorium blaue Flecken am Hals entdeckt. Die Rechtsmediziner konnten ein Tötungsdelikt ausschließen: Die Frau war auf dem Bauch liegend verstorben. In dieser Lage können sich Leichenflecken am Hals bilden.

 „In 15 bis 20 Prozent der Krematoriumssektionen bestätigt sich aber der Verdacht. Das heißt nicht, dass es ein Fremdverschulden sein muss. Aber es sind nicht natürliche Todesfälle, etwa ein Sturz oder die Spätfolgen von einem Trauma“, sagt die Institutsdirektorin. Wie oft zudem bei Erdbestattungen unklare Todesfälle unentdeckt bleiben, ist unklar – eine zweite Leichenschau ist in diesem Fällen nicht vorgeschrieben.

 Doch manchmal lässt ein Verdacht die Hinterbliebenen nicht zur Ruhe kommen, und sie lassen für einige Hundert Euro den Leichnam obduzieren. Prof. Preuß-Wössner würde es begrüßen, wenn mehr Sektionen gesetzlich vorgeschrieben würden, um noch öfter die wahre Todesursache zu finden.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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Kommentar

Die Rechtsmedizin hat einen schweren Stand in Deutschland. Institute werden geschlossen oder zusammengelegt. Auch in Schleswig-Holstein stand die Rechtsmedizin zur Diskussion, kritisierte der Landesrechnungshof jahrelang das dortige Defizit. Dass die Landesregierung diese Baustellen jetzt abräumt, ist deshalb gut.

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