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Mit dem Wasserschlauch gegen Monsterjäger

Kieler Ruderclub Mit dem Wasserschlauch gegen Monsterjäger

Sie sitzen auf dem Dach, vor den Türen und auf den Bänken: Rund 40 „Pokémon Go“-Begeisterte tummeln sich am Mittwoch am Ersten Kieler Ruder-Club (EKRC), um dort virtuelle Monster zu fangen. Die Invasion der Smartphone-Spieler geht den Ruderern vor Ort mächtig auf die Nerven.

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In Scharen kommen die „Pokémon Go“-Spieler mit ihren Smartphones täglich zu den Ruderclubs an der Kiellinie.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Die Pokémon-Jäger versperren zum Teil die Eingänge der Bootshallen, weil sie dort Schutz vor Regen suchen oder das Licht der Bewegungsmelder nutzen, berichten Ruderer. „Es ist schwer, die Boote herauszuholen, wenn die Leute mit ihren Handys vor der Halle sitzen“, sagt der EKRC-Vorsitzende Bernd Klose. Manche seien so sehr in das Spiel vertieft, dass sie nicht einmal merkten, wenn sie im Weg stehen oder sitzen. „Der ein oder andere reagiert auf Ansprache, viele nicht.“ Für Frust sorgt zudem, dass viele Spieler mit dem Auto kommen und die Parkplätze, die eigentlich für die Ruderer gedacht sind, versperren.

 Gleich drei Pokestops befinden sich auf dem Gelände: Der Gedenkstein für gefallene Clubkameraden, die Tür des ORRC Neptun sowie das Schild des EKRC. Ködern die Spieler in der Nähe dieser Plätze die Pokémons mit einem sogenannten Lockmodul, dann ziehen sie eine halbe Stunde lang die virtuellen Monster an. Weil die Pokestops eng beieinanderliegen und dort viele Spieler ihre Lockmodule aktivieren, tauchen dort auch viele der bunten Fantasie-Tiere auf.

 „Viele Spieler sitzen mit ihren Klapphockern auf dem Teerpappendach“, erzählt ein Ruderer vom Club Aegir. Das sei nicht nur gefährlich, sondern beschädige außerdem das Dach. Auch am Nachmittag sind mindestens acht Jugendliche von den Stufen, die vom Düsternbrooker Weg zur Kiellinie führen, über das Geländer auf das Dach gestiegen und haben sich dort niedergelassen. Spätabends seien auch schon mehrfach Spieler über die Balustrade auf die Terrasse der benachbarten Gastronomie „Schöne Aussichten“ geklettert, bestätigt das Restaurant.

 Die EKRC-Mitglieder ärgern sich vor allem über die Hinterlassenschaften der Pokémon-Jäger. „Pizzakartons, leere Flaschen, Plastikverpackungen: Sie müllen alles voll“, sagt Bernd Klose. Tim Sugaiski, der am Mittwochnachmittag mit seinem Campingstuhl vor dem Club sitzt und gerade ein rosafarbenes Flegmon im Visier hat, kann das verstehen. „Es würde mich auch ärgern, wenn ich hier dauernd aufräumen müsste. Ich nehme meinen Müll immer wieder mit, ich will ja niemanden stören“, sagt der 23-jährige Bordesholmer. Er ist zum dritten Mal zum Spielen hier und hat bislang noch keine Auseinandersetzung mit den Ruderern erlebt.

"Kein Problem"

 „Ich habe noch nicht mitbekommen, dass es hier Ärger gab“, sagt auch Dennis Amelung, der vor der Tür des ORRC Neptun auf dem Boden sitzt. Einmal hätten ein paar Spieler den Eingang mit ihren Fahrrädern blockiert, erinnert sich eine Spielerin ein paar Meter weiter. „Die wurden dann aber nett darum gebeten, Platz zu machen. Das war gar kein Problem.“ Einige der älteren Club-Mitglieder seien allerdings zunehmend genervt und würden schon mal etwas lauter werden.

 So soll es auch am Dienstagabend gegen 19 Uhr gewesen sein, als rund 100 Pokémon-Jäger den Platz bevölkerten. Augenzeugen berichten, dass Klose sie lauthals aufforderte, das Privatgelände des Clubs zu verlassen. „Er hat bis drei gezählt, es ist aber fast keiner aufgestanden“, sagt eine Spielerin, die dabei war. „Dann kam er mit dem Wasserschlauch. Ein junger Mann ist richtig nass geworden, auch sein Smartphone.“ Eine übertriebene Reaktion, finden die meisten Spieler. Nur einer hat Verständnis: „Wenn man sich jeden Abend darüber ärgert, kann einem schon mal der Kragen platzen.“

 Auch eine Polizeistreife soll in der Nähe gewesen sein. Einen Einsatz habe es aber nicht gegeben, hieß es von der Polizeidirektion Kiel. Mitte Juli mussten vor dem „Vapiano“ an der Hörn bereits Beamte einschreiten, weil 20 bis 30 Jugendliche den Eingang des Restaurants blockierten. Damals erteilte die Polizei einen Platzverweis. Spieler berichten, dass nebenan Mitarbeiter der Schlepp- und Fährgesellschaft regelmäßig Wasser auf die Stufen vor der Ticketverkaufsstelle schütten, damit sich dort niemand niederlässt.

 Der EKRC hat nun auf der Beschwerdeseite des Spiele-Entwicklers Niantic beantragt, die Pokestops auf dem Clubgelände zu entfernen. Bislang habe es aber keine Rückmeldung darauf gegeben, so Klose. Wenn nichts passiere, wolle er das Gelände mit rotem Band absperren, um klarzumachen, dass es sich um Privatgrund handelt.

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Ein Artikel von
Anne Holbach
Wirtschaftsredaktion

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