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Kein Schwein, kein Schwarzbrot

Flüchtlingswelle erreicht Kieler Tafel Kein Schwein, kein Schwarzbrot

Die Flüchtlingswelle in Schleswig-Holstein führt zu Umverteilungen unter den Ärmsten – zu beobachten ist dies bei der Kieler Tafel. Zur größten Ausgabestelle, der Sozialkirche Gaarden, kommen Bedürftige mit der Sorge, auf der Strecke zu bleiben.

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Gerda Schilling gibt in der Gaardener Sozialkirche Brot aus.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Zehn Uhr, Sozialkirche Gaarden. In dem ehemaligen Gotteshaus in der Stoschstraße wird gearbeitet und gewartet. Schon seit zwei Stunden steht Werner Zimmermann (63) mit seinem Gehwagen vor den Türen der Kieler Tafel. In dem verglasten Raum mitten im Kirchenschiff ist alles ordentlich angerichtet: Brote, Gemüse und Obst. In diese größte Ausgabestelle der Kieler Tafel werden heute mehr als 100 Bedürftige kommen. Sie alle wollen sich mit Lebensmittelspenden versorgen. Doch der 63-Jährige Zimmermann ist der Erste.

 Er hat sich die Nummer eins gezogen, wie auf dem Amt, und wird um Punkt zehn Uhr von der Mitarbeiterin Luise Jakoby aufgerufen. Er zeigt ihr den Tafelausweis, zahlt einen Euro und hält dann seine Beutel auf. Körnerbrötchen, Joghurt, Salami, Kohl und Äpfel wandern hinein. Am Ende hängen die Beutel prall gefüllt am Gehwagen. Mittlerweile ist auch ein ganzer Schwung neuer Tafelkunden im Raum. Unter ihnen viele Flüchtlinge.

 Hat Zimmermann ein Problem damit? „Nein. Die müssen doch auch irgendetwas essen“, sagt er. „Ich bin ja selbst ein Flüchtling gewesen.“ Dann erzählt er von seiner Flucht 1980 aus der DDR, wie er über Tschechien auf dem Bauch übers Minenfeld in die BRD gekrochen ist. Er berichtet, wie er als Kellner gearbeitet hat, seine Frau in der Altenpflege, und wie schwer es jetzt ist, mit dem wenigen Geld auszukommen. Der Mann ist in Plauderstimmung.

 Einer gepflegten grauhaarigen Frau mit knallroten Lippen geht es genauso. Marina L. ist Rentnerin und macht sich Sorgen über den Zustrom an Flüchtlingen. „Das ist ja erst der Anfang. Ich möchte nicht wissen, wie es weitergeht. Ich habe wirklich Angst, dass wir auf der Strecke bleiben.“ Ihre Rente reiche schon jetzt „vorne und hinten“ nicht mehr, nun befürchtet sie, dass Sozialleistungen am Ende noch gekürzt würden. „Es sind zu viele Flüchtlinge. Die Stimmung kippt.“ Die 70-jährige Suchsdorferin ist weder sonderlich aufgebracht noch unfreundlich, aber sie sagt: „Die normalen Parteien kann ich nicht mehr wählen. Dabei habe ich gar nichts gegen Ausländer, mein Vater ist Russe.“

 Luise Jakoby (76), Ehrenamtlerin der Kieler Tafel, nimmt hinter ihrem Schreibtisch die Pässe und Anträge der Neuankömmlinge entgegen. Sieben neue Aufnahmeanträge allein von heute früh liegen vor ihr – allesamt von ledigen, männlichen Asylsuchenden. „Problem ist, dass die Flüchtlinge kein Deutsch können, und wir uns mit Händen und Füßen verständigen müssen.“ Und noch einen Unterschied zu den deutschen Bedürftigen hat sie ausgemacht: „Sie wählen andere Lebensmittel, kein Schwarzbrot und kein Schwein.“ Auch Fertigprodukte würden gemieden, ebenso heimische Gemüsesorten.

 Vor ihr steht Ncrin Halabi. Um ihren Flüchtlingsstatus zu zeigen, legt sie ein Dokument auf den Tisch. Die Syrerin mit strenger Brille und Kopftuch versteht weder Deutsch noch Englisch. Seit zwei Monaten ist sie wohl mit Kind und Ehemann in Gaarden untergebracht. Zur Tafel hat sie einen Einkaufstrolli mitgebracht. Zunächst steht sie ratlos vor der Brotauswahl. Dann zeigt sie auf das Baguette. Dazu wählt sie Kastenbrot und Brötchen. Anschließend landet Kuchen in ihrem Gepäck, dann Schafskäse, Bananen, Zitronen und Salat.

 Neben ihr in der Schlange steht eine andere Syrerin. Ihr Vorname ist Halaneh, seit vier Monaten ist sie in Gaarden, spricht etwas Deutsch, besser noch Englisch. Stolz erzählt sie, dass zwei ihrer Söhne an der Kieler Uni studieren. Ihr Mann sei Jurist und sie selber Informatiklehrerin.

 Sie reicht ein Plastikgefäß über den Tresen, in das eine Tafelmitarbeiterin vier Eier legt. Vielleicht hätte Halaneh gern mehr Eier genommen. Vielleicht hätte auch der Mann neben ihr, Holger Wolff (59), lieber noch mehr eingesteckt. Aber das spricht hier keiner aus. Nur in Gerda Schillings Gesicht graben sich sorgenvolle Furchen: „Es ist traurig, dass wir nicht mehr geben können.“ Die 82-Jährige engagiert sich seit 15 Jahren für die Tafel. „Früher war es einfacher“, sagt sie. „Aber da waren ja auch viel weniger Menschen hier.“

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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