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Gespür für Tradition und Trends

Kiels ältestes Spezialgeschäft „Paul Heyck“ Gespür für Tradition und Trends

Abwarten und Tee trinken: Für Peter Vagt, Eigentümer des ältesten und größten Tee-Spezial-Geschäfts in Schleswig-Holstein „Paul Heyck“, gehört dieses Bekenntnis zur Gelassenheit zum morgendlichen Ritual, wenn er etwa 60 Teesorten durchprobiert.

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Inhaber Peter Vagt - Heyck's Kaffee in der Faulstraße feiert 175 jähriges Jubiläum

Quelle: Frank Peter

Kiel. Auch als landesweit älteste Kaffeerösterei hat sich der Laden in der Kieler Faulstraße 2a einen Namen gemacht. „Paul Heyck“ feiert mit seinen Kunden am 9. Mai seinen 175. Geburtstag. Ein Traditionsgeschäft mit einer feinen Nase für aktuelle Trends.

 Wer immer den Laden betritt, fühlt sich in vergangene Zeiten zurückversetzt. Kein Wunder, stammt doch die Einrichtung mit den Schütten und farbigen Blechdosen in den Holzregalen noch aus dem Jahr 1950. Ein heimeliges Ambiente mit mal nussigen, schokoladigen oder blumigen Düften in der Luft. Gerüche nach frisch geröstetem Kaffee, Apfel oder Ingwer, die offenbar bei vielen Kunden schöne Kindheitserinnerungen wecken. Vielleicht erklärt dies auch, warum jede noch so kleine Veränderung im Geschäft Empörung hervorrufen kann: Selbst als die alte Kasse vor vielen Jahren ausrangiert werden musste, kam es zu Protesten, erzählt Peter Vagt (60) schmunzelnd.

 Vagts Großvater Ludwig war 1906 in die von Hermann Radbruch gegründete und dann von Paul Heyck weitergeführte Firma eingestiegen. Aus dem Kolonial- und Materialwarengeschäft entwickelte er ein gut gehendes Spezialgeschäft für Kaffee und Tee. Als die beiden Weltkriege die Märkte wegbrechen ließen, bewies er Einfallsreichtum, indem er Kornkaffee und Heißgetränke verkaufte. Die Firmenchronik offenbart, dass er gleich nach dem Zweiten Weltkrieg der Erste war, der wieder Kaffee nach Kiel holte, immer unter dem Firmennamen „Paul Heyck“. Mit dem Postbus, heißt es, fuhr er nach Hamburg, organisierte einen Sack Kaffee und schleppte die 50 Kilo auf dem Rücken quer durch den Freihafen. „Die Kunden nahmen dann auch für maximal 50 Gramm guten Kaffee stundenlanges Schlangestehen in Kauf.“ Heute ist der Geschäftsbetrieb mit modernsten Mitteln ausgestattet, etliche Tee-Musterproben bestellt die Firma direkt von Händlern in den Anbaugebieten und lässt sie einfliegen. Jeden Vormittag das gleiche Zeremoniell, wenn Peter Vagt den mit kochendem Wasser aufgegossenen Tee in kleinen Tassen ziehen lässt, um ihn lauwarm durch die geschlossene Zunge zu schlürfen. Auch Vagts Mitarbeiter werden geschult. Nur wenn die Qualität überzeugt, kauft er eine Ladung, bei der nicht selten einige Tausend Euro fällig werden. Dabei setzt er auf das gute Kieler Wasser: „Es ist sehr kalkhaltig. Wenn sich hier die Aromen durchsetzen, weiß ich, dass der Tee auch in anderen Regionen mit weicherem Wasser seinen Geschmack entfaltet.“

 Peter Vagt wuchs mit seinen drei Schwestern direkt über dem heutigen Ladenraum auf und war es gewohnt, zu sehen, wenn der Kaffee vom Lager im Erdgeschoss säckeweise nach oben an den Wohnräumen vorbei gehievt wurde. „Mein Spielplatz war die Holstenstraße“, sagt er. Schon damals lernte er viele Stammkunden kennen: „Heute kommen bereits deren Kinder zu uns“, erzählt der gelernte Großhandelskaufmann, der seit 1988, als sein Vater Herbert starb, als alleiniger Geschäftsführer die Firma leitet. 3000 Kunden, die es mittlerweile rund um den Erdball verschlug, bekommen ihre Ware geschickt. Aber auch das Ladengeschäft läuft gut, freut sich Vagt über das „breitgefächerte Publikum“. Da ordert der Rentner 100 Gramm von seinem „Hauskaffee“, bestellt der Student seinen Grüntee und die Anwältin ihre spezielle Kaffee-Mischung mit der Vanille-Note. Und wenn Kreuzfahrtschiffe in Kiel anlegen, ist der Laden voll mit Skandinaviern, die zwischen etwa 50 Kaffeesorten und etwa 300 Teesorten wählen können.

 Die Welt des Tees erschloss sich Peter Vagt auf Reisen nach Indien und Sri Lanka. Er selbst trinkt beides gern, morgens brüht er sich seinen Filterkaffee auf, nachmittags trinkt er grünen Tee. Noch hält sich der Verkauf von Qualitätskaffee und -tee die Waage. Auch wenn manches schwieriger geworden ist, Vagt liebt die Arbeit, die familiäre Atmosphäre, das Plaudern mit den Kunden. „Ich werde so lange arbeiten, wie es gesundheitlich geht“, schwärmt er, wie schön es ist, bei den Produkten überall selbst Hand anzulegen, hier einem Tee Kiwi-Aroma beizufügen, einen First Flush zu probieren oder zu beobachten, wie sich in der Hausrösterei hinter der Theke langsam die Farbe der Bohnen verändert. Schüttet er sie ins Kühlsieb, kann er am Klang hören, ob sie fertig geröstet sind. „Paul Heyk“ ist auch nach 175 Jahren vor allem ein Geschäft für alle Sinne.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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