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„Der Vater hat geheult“

Kindesmissbrauch in Flüchtlingsheim „Der Vater hat geheult“

„Der Vater hat fast die ganze Zeit geheult, der war völlig fertig.“ Ein Polizist berichtete vor Gericht über einen Einsatz wegen Kindesmissbrauchs im Flüchtlingsheim Boostedt. Der Vater soll seinen Sohn mit dem mutmaßlichen Täter noch am Tatort gesehen haben.

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Die beiden Angeklagten verbergen ihre Gesichter hinter einem Aktenordner (l) und einem Schirm im Landgericht in Kiel in einem Gerichtssaal. Daneben sitzen die Anwälte Ralf Stelling (3.v.l) und Thomas Jung (2.v.r).

Quelle: Daniel Reinhardt/ dpa

Kiel. Im Kieler Prozess um sexuellen Missbrauch an einem kleinen irakischen Flüchtlingsjungen hat ein Polizist am Donnerstag die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen die beiden Angeklagten untermauert. Der Polizist war mit seinem Kollegen am 29. März abends zum Einsatz in die Landesunterkunft Boostedt bei Neumünster gerufen worden. Die Staatsanwaltschaft wirft einem 22-jährigen Afghanen vor, sich in einer Toilettenkabine an dem Vierjährigen vergangen zu haben. Ebenfalls angeklagt ist ein 29-Jähriger Afghane, der Schmiere gestanden und den achtjährigen Bruder, der protestiert hatte und dem Opfer helfen wollte, mit einem Messer bedroht haben soll.

Als Zeuge geladen schilderte der Polizist am zweiten Verhandlungstag vor dem Landgericht den Einsatz. Die Security der Landesunterkunft habe die Polizei gerufen. Dort angekommen seien der Vater und dessen Söhne verstört in einem Zimmer gewesen, die mutmaßlichen Täter seien von der Security bereits in einen anderen Raum gebracht worden. Dort habe sein Polizeikollege sie vernommen. „Es war ein ziemliches Chaos“, schilderte der Polizist die unübersichtliche Situation mit Security, weiteren zur Unterstützung gerufenen Polizisten, Rettungskräften und telefonischer Rücksprache mit der Kripo.

Er habe den Vater und die beiden Kinder nach dem Geschehen befragt, sagte der Polizist vor Gericht. Dafür seien zwei Dolmetscher nötig gewesen, der eine habe vom Deutschen ins Türkische übersetzt und der andere vom Türkischen ins Arabische oder Farsi - und umgekehrt. „Das war ein bisschen wie stille Post“, sagte der Polizist, die Drei hätten miteinander meist gemurmelt und dann der Vater geantwortet.

Demnach passierte der Missbrauch folgendermaßen: Die beiden mutmaßlichen Täter sollen den Vierjährigen in einem Flur der Flüchtlingsunterkunft angesprochen und einer ihn in die Toilette gezogen haben. Der andere habe draußen aufgepasst. Der Achtjährige, der vergeblich seinem kleinen Bruder helfen wollte, sei zum Vater in dessen Zimmer gerannt. Dieser sei in die Toilette gelaufen und habe dann unter die Kabinentüren geschaut und in der dritten Kabine das Kind und einen Erwachsenen gesehen - beide mit runtergelassener Hose. Der Vater haben geschrien, die Kabine sei geöffnet worden.

Laut Anklage soll der 22-Jährige den Jungen aufgefordert haben, mit ihm zur Toilette zu kommen. Dort habe er sein Glied in den Mund des Jungen geführt und dann außerhalb ejakuliert. So hatte dies dem Polizisten zufolge auch der Vater des Vierjährigen dargestellt, basierend auf dem, was das Kind dem Vater an dem Abend gesagt habe. Nach einem DNA-Gutachten stammen Spuren von einem Penis-Abstrich des Angeklagten mit hoher Wahrscheinlichkeit von dem Jungen.

Auf dem Flur soll der Vater handgreiflich gegen den mutmaßlichen Täter geworden sein. „Er hat ihm wohl ein paar reingehauen, ihm ein paar geschossen, das ist ja menschlich“, sagte der Polizist.

Auf die Frage des Vorsitzenden Richters am Landgericht, Stefan Becker, in welchem Zustand Vater und Kinder im Zimmer das Erlebte geschildert hatten, sagte der Polizist: „Der Vater hat fast die ganze Zeit geheult, der war völlig fertig.“ Der Vierjährige habe geschockt und apathisch gewirkt. Der Achtjährige sei aufgeregt gewesen. Der Vierjährige habe - wie der Vater später berichtete - sich in die Hose gemacht, deshalb habe er, der Vater, die Hose des Jungen gewechselt.

Der 22-Jährige hat den Missbrauch bestritten. Am ersten Verhandlungstag am Dienstag hatte er behauptet, er habe dem Jungen beim Toilettengang nur helfen wollen. Der Junge habe seine Hose selbst heruntergezogen. Die Tür zur Kabine habe er geöffnet, da der Griff für den Jungen zu hoch gewesen sei. Der zweite Angeklagte hat von seinem Schweigerecht Gebrauch gemacht.

Die beiden Täter waren nach dem Eindruck des Polizisten alkoholisiert - aber nicht so stark, dass sich dies in der Motorik bemerkbar machte. Die beiden hätten kooperiert, sie seien nicht ausfallend gewesen, sagte der Polizist. „Der Zustand der beiden: die wirkten teilnahmslos nach dem Motto „Was geht mich das an?“.“

Dagegen war nach früheren Aussagen eines Wachmanns der Angeklagte stark alkoholisiert. Er sei schon mehrfach durch Alkoholkonsum aufgefallen, sei dann aggressiv gewesen und habe Streit gesucht. An dem besagten Abend sei der Hosenschlitz des Mannes offen gewesen.

Am Donnerstagnachmittag (13.45 Uhr) sollte vor dem Landgericht auch der Vater des Jungen aussagen. Für den Prozess sind acht weitere Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil könnte dann im Oktober fallen. Zurzeit sitzen die beiden Angeklagten in Untersuchungshaft.

Von Matthias Hoenig, dpa

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