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Erinnerungen an den Alten Markt

Kindheit im Krieg Erinnerungen an den Alten Markt

Wer einen Krieg miterlebt hat, ist ein anderer Mensch. Noch Jahrzehnte später sind in den Träumen die Schreie der Verwundeten wieder da oder die Geräusche von fallenden Bomben. Manche schweigen über das Erlebte, andere verdrängen. Hans-Heinrich Flenker hat sich an die Aufarbeitung gemacht.

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Hans-Heinrich Flenker mit dem von ihm gefertigten Modell der Persianischen Häuser am Alten Markt in Kiel. Der 84-Jährige hat zahlreiche Informationen zur Kieler Geschichte zusammengetragen. Einen Verleger hat er noch nicht gefunden.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Der heute 84-Jährige stromerte als kleiner Knirps zu gerne über den Alten Markt. Er war fasziniert von den Persianischen Häusern, der stolzen Nikolaikirche, dem feudalen Karstadt-Kaufhaus, dem trubeligen Marktplatz. Mit zehn Jahren lernte er dann die verheerende Wirkung von Bomben kennen. Um diese Bilder aus seinem Kopf zu bekommen, machte er sich im Alter von 40 Jahren daran, alles Mögliche über das alte Kiel zu sammeln. Literatur, Postkarten, Fotos, Plakate. Und er schrieb seine eigenen Erlebnisse auf. Mehrere Aktenordner hat er über all die Jahre mit den unterschiedlichsten Kieler Themen gefüllt. Was jetzt noch fehlt, ist ein Verleger.

„Der Alte Markt war wunderschön“, sagt Hans-Heinrich Flenker. Seine Großmutter mütterlicherseits wohnte dort. In der Rosenstraße hinterm Alten Rathaus, die es heute nicht mehr gibt. Wenn er als Kind aus Elmschenhagen zu Besuch kam, gab es Königsberger Klopse, nachmittags selbstgemachte Kokosmakronen. Bei seinen Erkundungstouren am Alten Markt entdeckte der Kieler auch irgendwann eine Eichenholztafel an der Nordwand des Nikolaikirche. Darauf die geschnitzte „Schmerzensmutter“ von Ernst Barlach (1870-1938). Das Relief, das Barlach nach dem Ersten Weltkrieg schuf, zeigte eine auf Wolken knieende Mutter, die trauernd und betend die Hände vor das Gesicht hält. „Sie symbolisierte den furchtbaren Schmerz der Mütter um ihre toten Söhne“, so Flenker. „Damals wusste ich noch nicht, was Krieg ist. Aber die Figur stellte für mich den höchsten Ausdruck menschlichen Leids dar.“

Hans-Heinrich Flenker erinnert sich auch an die Geborgenheit, die der Alte Markt damals ausstrahlte. Rundherum stattliche Häuser und eine rumpelnde Straßenbahn mittendrin. 1943 musste er einen Aufsatz schreiben und suchte sich als Thema die Persianischen Häuser aus. „Sie sollten als Packhäuser zur Lagerung persischer Seidenwaren dienen. Aber der Schah von Persien erhob so hohe Zölle auf die Waren, dass daraus schließlich Wohnungen wurden.“ Für den Aufsatz bekam er eine Zwei. Jahrzehnte später fertigte er ein detailverliebtes Modell von den Häusern an.

Im Dezember 1943 wurden dann das Alte Rathaus und Karstadt in Schutt und Asche gelegt. Fünf Monate später trafen Bomben die Persianischen Häuser und die Nikolaikirche. Auch die „Schmerzensmutter“ von Barlach verbrannte. Hans-Heinrich Flenker erinnert sich an Tage und Nächte in Hauskellern oder Bunkern. Voller Angst und Hoffnungslosigkeit. Auch wenn sich sein ältester Sohn für seine historischen „Schätze“ interessiert, wäre Hans-Heinrich Flenker froh, wenn noch mehr Kieler die „Schrecken des Krieges“ sehen würden. Nachdenklich sagt er: „Leider weiß ich, was Krieg ist.“

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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