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Die Muttersprache ist nicht tabu

Kita in Gaarden Die Muttersprache ist nicht tabu

Welche Sprache wird in Kieler Kitas gesprochen? Deutsch jedenfalls nicht zwingend. In der Gaardener Kita in der Johannesstraße ist nur ein Viertel der 183 Kinder deutschsprachig. Der Rest lernt bei seiner Mutter Türkisch, Arabisch, Kurdisch, Bulgarisch, Russisch oder eine andere von insgesamt 25 Sprachen.

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Und welche Sprache sprichst Du? Die fünfsprachige Erzieherin Nur Ahmend (34) ist in der Kita Johannesstraße sehr gefragt.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Die Kinder müssen in den Kieler Kitas auch nicht um jeden Preis Deutsch sprechen. Sie sind sogar dazu eingeladen, sich in ihrer eigenen Muttersprache zu verständigen. Auf den ersten Blick klingt das befremdlich, es hilft aber nach Erkenntnissen der Erzieher bei der Erreichung des Ziels, das die Kieler Bildungsdezernentin Renate Treutel so formuliert: „Wir wollen, dass alle Kinder hier in Kiel richtig gut Deutsch lernen.“

 In der Stadt leben 248000 Menschen, davon knapp 60000, also ein Viertel, mit Migrationshintergrund. „Man kann davon ausgehen, dass in diesen Haushalten die Muttersprache nicht Deutsch ist“, schätzt Treutel. Noch mehr sind es in den städtischen Kitas: „Ein Drittel der Kinder ist mehrsprachig, der Anteil in den Hochburgen Gaarden und Mettenhof ist sogar noch deutlich höher. Entsprechend müssen wir uns in unseren Bildungseinrichtungen aufstellen“, so Treutel. „Das ist uns gut gelungen.“

 Anteil am Erfolg hat ein Projekt des Bundesfamilienministeriums, das sprachliche Bildung in Kitas fördert und bereits seit 2011 läuft. Nun wird es bis 2019 fortgesetzt. Erzieherin Marion Scheffler, die eine Fortbildung im Rahmen des Projekts besucht und an der Entwicklung eines Handouts für alle anderen Kolleginnen mitgewirkt hat, berichtet über die wichtigsten Erkenntnisse: „Wir haben jetzt einen positiven Blick auf die Sprache der Kinder. Wir gucken nicht mehr, was sie nicht können, sondern was sie für Ressourcen haben und welche Fortschritte sie machen. Diese neue Haltung hat einen absoluten Aha-Effekt unter den Kolleginnen ausgelöst“, schwärmt sie.

 Auch neu aus Sicht Schefflers ist es, die Erstsprachen der Kinder in die Kitas zu bringen: „Es gab leider immer Kolleginnen, die von den Kindern verlangten, in den Kitas Deutsch zu sprechen.“ Dabei sei es erwiesen, dass in der Muttersprache gefestigte Kinder es einfacher haben, weitere Sprachen zu lernen. „Unsere Erfahrung ist, dass Kinder irgendwann von ganz allein anfangen, Deutsch zu sprechen. Oft sind aber auch die Eltern sehr unsicher und versuchen, mit ihren Kleinen Deutsch zu sprechen.“ Dabei sei es so wichtig, dass die Muttersprache zu Hause weiterlebe. Den Eltern soll nun der Druck genommen werden, mit ihren Kindern Deutsch sprechen zu müssen. Trotzdem, da sind sich die Expertinnen einig, müssten Eltern auch Vorbilder sein und selbst Deutsch lernen: „Es ist auch nicht gut für die Kinder, wenn sie immer übersetzen müssen.“

 Doch wie gelingt es, die Muttersprachen in den Kitas zu pflegen? „Durch mehrsprachige Erzieherinnen. Leider gibt es nur sehr wenige auf dem Arbeitsmarkt“, bedauert Renate Treutel. Dennoch gibt es sie, diese Ausnahmen. Ein gutes Beispiel ist Nur Ahmed. Sie ist fünfsprachig. Ihre Familie ist kurdisch und lebte im Irak. Im Alter von 14 Jahren kam sie als Flüchtling nach Kiel. „Ich weiß genau, wie sich die Kinder hier fühlen“, sagt sie. „Meine Eltern haben mit mir nur Arabisch gesprochen. Bevor ich in Kiel Deutsch gelernt habe, musste ich mir selbst Türkisch und Kurdisch beibringen. Denn ich wurde von allen Mitschülern ausgegrenzt und musste diese Sprachen lernen, um zumindest in die Gemeinschaft der türkischen und kurdischen Kinder aufgenommen zu werden“, berichtet sie. Heute arbeitet die 34-Jährige in der Kita Johannesstraße. Dort ist sie umringt von Kindern, die mit ihr in allen möglichen Sprachen reden. „Meistens sprechen sie Deutsch. Nur in der Eingewöhnung und wenn sie traurig sind, ist es wichtig, mit ihnen in der Muttersprache zu sprechen“, weiß Nur Ahmed. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit sind auch die Gespräche mit den Eltern, „denn die sind oft auch sehr erleichtert, wenn jemand ihre Sprache versteht“.

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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Stellen Sie sich vor, Sie sind drei Jahre alt, versuchen sich in einer Kita zurechtzufinden. Es gelingt aber nicht, weil alles fremd ist: Sprache, Rituale, Bilder an der Wand, das Essen, die Gerüche.

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