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Langsamer Abschied von den Kastanien

Kranke Bäume Langsamer Abschied von den Kastanien

Viel zu früh welkende Blätter, offene Wunden an den Stämmen: Die Rosskastanien in Kiel und großen Teilen des Landes leiden. Die Gründe: Miniermotte und ein neues Bakterium bedrohen das Leben der Bäume akut. Experten befürchten, dass in etwa drei bis zehn Jahren nur noch ganz wenige Kastanien in Kiel stehen.

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Frühzeitiger Herbst in der Werftstraße in Kiel: Die Blätter der Weißblühenden Rosskastanien welken durch den Befall der Miniermotte. Die Rinden sind zudem teilweise durch das Bakterium Pseudomonas syringae gefährdet.

Quelle: Volker Rebehn

Kiel. Dabei schienen sich die durch die Miniermotte befallenen Bäume erholt zu haben. Der Anblick macht stutzig. Trockene, braune Laubblätter in den Kronen der Rosskastanien lassen keine Zweifel, dass mit den Bäumen etwas nicht stimmt. Ganz gleich, wo man in der Landeshauptstadt hinschaut – überall das gleiche Bild. In der Werftstraße, am Exerzierplatz, vor dem Landeshaus, in der Projensdorfer Straße, am Fußweg von der Werftbahnstraße entlang des neuen Hörnbades oder zwischen Narvik- und Vaasastraße in Mettenhof: Für die Rosskastanien ist der Herbst viel zu früh gekommen. Doch die Situation ist viel schlimmer. Das Gros der Kastanien entlang der Straßen und in den Parks wird die nächsten Herbste nicht mehr erleben. Einige der rotblühenden Kastanien, die erst vor einigen Jahren nahe der Werftbahnstraße gepflanzt wurden, sind bereits abgestorben.

„Das ist traurig“, sagt Karsten Breier. Der Baumexperte der Stadt hatte sich schon gefreut, dass sich die weißblühenden Rosskastanien in den vergangenen Jahren einigermaßen erholt hatten. Die Miniermotte, die den Bäumen arg zugesetzt hatte, schien zurückgedrängt. Das war ein Irrtum. „Dieses Jahr ist es wieder sehr schlimm“, sagt Karsten Breier. Wohl wegen des milden Winters hätte sich der Kleinschmetterling stark ausbreiten können. Zudem hätte das Laub nicht, wie notwendig, unter allen Bäumen beseitigt werden können. Im Frühjahr könnten sich neue Populationen entwickeln. Die Kastanien würden geschwächt, könnten aber, so schätzt Karsten Breier, zehn bis 15 Jahre mit dem Befall leben. Längerfristig bekämen sie aber Probleme.

„Zehnmal schlimmer“ als die Miniermotte sei der Befall durch Pseudomonas syringae. Das Bakterium (erstmals 1970 auf der Indischen Rosskastanie nachgewiesen) hat sich über England und Holland inzwischen durch Vögel, Regen oder Wind auf ganz Mitteleuropa ausgebreitet. Bei der Erstentdeckung in Deutschland im Jahr 2007 durch die Universität Hamburg wurde lediglich ein Absterben der Rinde festgestellt. Im Winter 2011/2012 kam es an den befallenen Bäumen im Nordwesten Deutschlands dann zu einem starken Auftreten von verschiedenen Pilzen. Die Krankheit hat sich derart entwickelt, dass vom Rosskastaniensterben gesprochen wird. Wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts für Baumpflege (Hamburg) untersuchen in ganz Deutschland befallene Rosskastanien und beraten Städte und Gemeinden.

Die Kastanien haben keine Chance. Quillt ein rostbrauner bis schwarzer Ausfluss aus der Rinde, haben die Organismen die Rinde in diesen Bereichen zum Absterben gebracht. Danach können Pilze den Baum besiedeln und das Holz zerstören. Der Baum stirbt in wenigen Jahren – wie in Kiel an der Werftbahnstraße. Das Problem: Zurzeit kann die Krankheit nicht bekämpft werden. „Die Entwicklung macht uns Angst“, sagt Karsten Breier und verweist auf das Kieler Baumkataster. Von den im Stadtgebiet insgesamt erfassten 57000 Bäumen (davon 27000 an Straßen) sind 1250 Kastanien. Eine Untersuchung im August 2015 von 854 Kastanien ergab ein erschreckendes Bild: 286 oder 33,5 Prozent waren bereits mit dem Bakterium infiziert. Besonders beängstigend ist, dass die weißblühenden Kastanien (wie in der Werftstraße) nicht nur von der Miniermotte, sondern mittlerweile auch von dem Bakterium heimgesucht werden. Dieses wurde auf 21 der 98 Kastanien entlang der Werftstraße nachgewiesen. Das Bakterium ist auch auf anderen Bäumen (Ahorn) entdeckt worden. Dort sind die Schäden aber bei Weitem nicht so gravierend wie bei den Kastanien.

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