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Mutig im Kampf gegen Malaria

Krankenschwester aus Kiel Mutig im Kampf gegen Malaria

Aus einem Normal- wurde ein Notfallprojekt: Krankenschwester Daniela Steuermann aus Kiel arbeitete vier Monate für "Ärzte ohne Grenzen" in einem UN-Flüchtlingscamp im Südsudan. Jetzt berichtet sie über ihre Erlebnisse.

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Erfüllt und glücklich: Jede freie Minute nutzte Daniela Steuermann, um mit den Kindern zu singen, zu tanzen und zu lachen. Dreck und die Ansteckungsgefahr spielen dabei keine Rolle.

Quelle: hfr

Kiel. Eigentlich würde jeder normale Mensch solche Situationen meiden. Es ist schwülheiß, 49 Grad Celsius. Überall schwirren Fliegen und Mücken. Die Haut klebt. Jedes Staubkorn bleibt an Armen, Beinen und Gesicht haften. Die Toiletten sind nur notdürftige Gruben. Und mit Pech plagt einen drei Tage lang der schlimmste Durchfall. Aus der Ferne sind immer wieder Maschinengewehrsalven zu hören. Etliche Kranke und Verletzte warten auf Versorgung, Schmerzmittel oder ein nettes Wort. Inmitten dieses Chaos steht Daniela Steuermann aus Kiel und ist einfach nur glücklich. Vier Monate lang war die 39-Jährige als Krankenschwester für „Ärzte ohne Grenzen“ im Südsudan.

Das UN-Flüchtlingscamp, in dem Daniela Steuermann arbeitete, liegt in der Nähe von Bentiu. Auf dem ein Quadratkilometer großen Gelände reiht sich ein weißes Zelt an das andere, dazwischen provisorische Hütten. Bis zu 110000 Menschen leben hier auf engstem Raum, oft schwer verletzt oder sterbenskrank, immer mit der Angst im Nacken. Mittendrin Daniela Steuermann. Immer auf den Beinen, immer unterwegs. Rund 15 Kilometer legt sie jeden Tag in ihren Gummistiefeln zurück. Schaut in den Zelten nach dem Rechten, untersucht Kranke, verteilt Medikamente und betreibt Aufklärung. „Die Menschen wissen nicht, wie sie sich schützen müssen und haben auch nicht ausreichend Moskitonetze zur Verfügung“, sagt sie. 70 Flüchtlinge hat sie zu ihren Mitarbeitern ausgebildet, 150 Leute waren in ihrem Team. Praktische Hilfe zur Selbsthilfe. Dennoch sterben – oft vor ihren Augen – acht bis zehn Kinder am Tag an Malaria.

Plötzlich wird alles zum Notfall

120 Betten hat das Krankenhaus von „Ärzte ohne Grenzen“ auf dem Gelände. In einem Notaufnahmezelt nebenan werden im Schnitt jeden Tag 100 Patienten versorgt. „Als nach zwei Monaten der Monsun einsetzte, stieg die Malariarate um 90 Prozent“, berichtet Daniela Steuermann. Etliche Zelte und Hütten werden beim ersten heftigen Regenguss zerstört. Knietief stehen die Flüchtlinge im Wasser und versuchen zu retten, was zu retten ist. Mehr als 20000 Leute müssen umziehen. Es herrscht Chaos, Gedrängel, die Luft ist explosiv. Doch alles geht gut.

Nur plötzlich wird aus dem Normalprojekt in Bentiu ein Notfallprojekt. Aus Amsterdam wird Hilfe eingeflogen. Von montags bis sonntags wird ohne Pause gearbeitet. Allein im Notfallzelt warten jetzt täglich 400 Flüchtlinge auf Hilfe. Aber auch das Problem bekommt das Team in den Griff. Sorgen machen aber Hepatitis E und Masern. „Eigentlich werden die Flüchtlinge bei der Aufnahme geimpft. Kommen aber welche am Wochenende an, flutschen sie manchmal so durch. So konnten sich die Masern ausbreiten.“

Eine Mutter erreicht mit ihren vier Kindern erschöpft das Camp. Zwei Wochen war sie unterwegs. Aus Blättern kochte sie unterwegs eine Suppe. „Das Baby und ein Kleinkind waren mangelernährt, alle hatten Malaria“, schildert Daniela Steuermann. „Aber alle haben überlebt, auch ohne Folgen. Das macht mich dann unendlich glücklich.“

Auf der Flucht hat eine Familie einen jungen Mann auf einer Art Bahre getragen. Der 20-Jährige hatte eine Schussverletzung im Bein. Als er endlich im Krankenhaus ankam, fällt ihr und dem Chirurgen das verfaulte Bein schon entgegen. Es konnte nicht gerettet werden. „Aber wir haben eine alte Prothese mit einem Holzfuß besorgt“, sagt die Kielerin. „Sie glauben gar nicht, wie er sich gefreut hat.“ Doch im Flüchtlingslager ist auch die Trauer nicht weit. Eines Tages werden drei Kinder gebracht. Sie haben mit einer Handgranate gespielt. Alle drei sterben wenig später.

"Die Südsudanesen haben unseren Respekt verdient"

„Natürlich macht mich der Bürgerkrieg wütend und traurig. Aber der muss auf höherer Ebene gelöst werden“, sagt Daniela Steuermann nachdenklich. „Ich habe gelernt, dass das nicht nur Menschen sind, die Kriege führen. Die Lebensfreude trotz all der Not und der Stolz der Südsudanesen haben unseren Respekt verdient. Die Menschen überleben in diesem Elend und verlieren nicht ihre fröhliche und freundliche Art, sondern kämpfen noch mit ihrem Arbeitseinsatz für ihre Mitmenschen.“

Mit 500 Fotos, der Hälfte an Kleidung und einem großen Herzen ist sie jetzt zurück im kalten Norden. Seit fünf Tagen arbeitet Daniela Steuermann wieder in ihrem alten Job an der Kieler Uniklinik in der Dermatologie-Abteilung. Schon 2004 wollte sie als Helferin in ein Krisengebiet. Doch irgendwie verließ sie damals der Mut. „Ich hab’ mir die Arbeitsweise, die vielen Kriegsverletzten nicht zugetraut“, sagt sie. Und weiß es inzwischen besser. Auf die Kandidatenliste für die nächsten Einsätze von „Ärzte ohne Grenzen“ hat sie sich schon setzen lassen und hofft, dass sie vielleicht ein zweites Mal unbezahlten Urlaub nehmen darf.

In ihren Gedanken ist Afrika aber schon jetzt jeden Tag dabei. Dann spielt sie wieder Fußball mit den Jungs und verliert jedes Mal, bläst Luftballons für kranke Kinder auf und genießt ihr Lachen, tanzt mit den Kleinsten durch den Matsch und singt Lieder mit ihnen oder umarmt einfach eine alte Frau, die Schmerzen hat. Zufriedenheit kann so einfach sein.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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