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Mit dem Krebs leben lernen

Krebsforscher Gatenby Mit dem Krebs leben lernen

Gern hören seine Wissenschaftlerkollegen nicht, was Robert Gatenby zu sagen hat – jedenfalls in den USA. Den Krebs nicht mehr vernichten, sondern mit ihm leben, ihn tolerieren? Eine schwierig zu tolerierende Ansicht sowohl für an Krebs Erkrankte als auch für Mediziner und Ärzte.

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Prof. Robert Gatenby (Mitte) im Gespräch mit Prof. Hinrich Schulenburg (re.), Direktor am Zoologischen Institut der CAU, Vorstandsmitglied von Kiel Life Science, und Dr. Günther Jansen, Wissenschaftler in der Evolutionsökologie und Genetik, AG Schulenburg.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Denn Gatenby folgt der – sehr grob zusammengefassten – Strategie: Je mehr Tumorzellen du killst, desto besser ist das für den Patienten.

Der 63-jährige US-amerikanische Krebsforscher hingegen vertritt die Ansicht, dass nur so viel Tumor vernichtet werden solle, wie minimal notwendig sei. Am Donnerstag war der Vorsitzende der Abteilung für Radiologie und Co-Direktor des „Cancer Biology and Evolution Program“ am Moffitt Cancer Center in Tampa, Florida, auf Einladung des Forschungsschwerpunkts Kiel Life Science (KLS) in Kiel zu Gast. Die Kieler Onkologen, mit denen der international renommierte und umstrittene Gatenby gestern zu Gesprächen zusammenkam, seien sehr offen gewesen, mit ihm seine Forschungsergebnisse und Ansichten zu diskutieren, berichtete Prof. Hinrich Schulenburg, KLS-Vorstandsmitglied und Evolutionsökologe.

Radikal neuer Ansatz?

Gatenby versuche, Krebs mit derselben Totalität zu verstehen, mit der Newton die Schwerkraft verstanden habe, schrieb das Magazin Newsweek im vergangenen Jahr über ihn. Von einem radikal neuen Ansatz war die Rede, von revolutionärer Sicht auf Krebs. „Die entscheidende Erkenntnis, dass Krebs denselben evolutionären Regeln gehorcht wie jedes andere biologische und medizinische Phänomen, war für mich ausgesprochen hoffnungsvoll“, sagte Gatenby gestern dazu. „Denn daraus resultiert: Krebs ist ein Problem, das wir lösen können.“

Behandlung im Fokus der Forschung

Den Fokus seiner Arbeit lege er nicht auf die Entstehung von Krebs, sondern auf die Behandlung der schweren Krebsfälle. Und da sei eine immer wieder bittere Erfahrung: „Wenn eine Patientin mit Brustkrebs trotz des Einsatzes neuer Therapien Metastasen entwickelt, dann wird sie sterben. Wenn nach einer Hochdosis-Therapie der Krebs zurückkommt, ist eine erfolgreiche Behandlung nicht mehr möglich. Alles, was wir bisher tun – der Krebs findet eine Lösung dafür. Er entwickelt Resistenzen.“ Der fundamental neue Ansatz Gatenbys, in dessen Department für integrierte mathematische Onkologie keine weiteren Ärzte, sondern fünf Mathematiker arbeiten und Modelle ähnlich denen zur Wettervorhersage entwickeln, verbindet theoretische Evolutionsbiologie mit Tumorbiologie und klinischer Onkologie.

Höchstmöglicher, vom Krebspatienten noch gerade zu ertragender Therapie-Einsatz berge ein hohes Risiko, die sehr resistenten Tumorzellen zu begünstigen – ein ähnlicher Vorgang wie bei der Entwicklung antibiotikaresistenter Bakterien. „Resistenz gegen eine Therapie geht mit Kosten für die resistenten Zellen einher“, erläutert Hinrich Schulenburg. „Die Zellen müssen Proteine produzieren, dafür brauchen sie Energie. Wenn eine Therapie permanent da ist, haben die resistenten Zellen einen Vorteil, nicht aber bei niedriger dosierter Therapie. Dann können die anderen Zellen überleben, und die resistenten werden sich nicht komplett durchsetzen können.“ Mit Gatenbys Vortrag endete die diesjährige KLS-Vortragsreihe mit dem Schwerpunkt „Evolutionäre Medizin“.

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Ein Artikel von
Christian Trutschel
Lokalredaktion Kiel/SH

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