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Ex-Rocker kassiert Haftentschädigung

Landgericht Ex-Rocker kassiert Haftentschädigung

Es war keine Vergewaltigung, sondern „nur“ Körperverletzung. So bewertete das Kieler Landgericht gestern nach dreimonatigem Prozess drei Sexkontakte des Ex-Vizepräsidenten der Kieler Hells Angels, die für eine junge Prostituierte „schmerzhaft und erniedrigend“ waren. Das Urteil: 2500 Euro Geldstrafe wegen vorsätzlicher Körperverletzung in drei Fällen.

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 Im Prozess um den Ex-Rocker hat das Kieler Landgericht auf Haftentschädigung entschieden.

Quelle: Friso Gentsch/dpa

Kiel. „Am Ende eines langen, schwierigen und für alle Beteiligten sehr belastenden Verfahrens“ hielt die 7. Große Strafkammer die schweren Vorwürfe gegen den 57-Jährigen für nicht erwiesen. Zwar zweifelte das Gericht nicht an demütigenden Sexpraktiken, die das damals 20-jährige Opfer vor fünf Jahren in einem Bordell im Kieler Umland und in einer Ein-Zimmer-Wohnung im Rotlichtviertel „über sich ergehen ließ“.

Doch die Übergriffe mit einem Dildo seien auch nach Darstellung der Zeugin nicht durch körperliche Gewalt oder Drohungen erzwungen worden. Auch eine Zwangslage, in der die Prostituierte dem Angeklagten schutzlos ausgeliefert war, sah die Kammer im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft nicht.

Die mit jeweils 150 Euro bezahlten Dienstleistungen seien in einem belebten Bordell und einem Mehrfamilienhaus erfolgt. „Dort waren andere Menschen, die Zeugin hätte schreien oder weglaufen können“, so die Urteilsbegründung. Die Kammer folgte den massiven Zweifeln, die eine psychologische Sachverständige an der Glaubwürdigkeit der Zeugin geäußert hatte. Sie habe verschiedene Versionen präsentiert und ihre Aussagen so entwertet.

Dennoch macht das Gericht den Angeklagten mitverantwortlich für die posttraumatische Belastungsstörung der Nebenklägerin, die sich im Herbst 2010 mit Rockern der „Legion 81“ eingelassen hatte. Laut Urteil muss der aus Polen stammende, nicht mehr in Kiel lebende Ex-Rocker 8000 Euro Schmerzensgeld an die Frau zahlen. Zu ihrem Schutz lebt sie heute mit neuem Namen an einem geheimgehaltenen Ort.

Am Ende der dreimonatigen Beweisaufnahme hatte die Anklage drei Jahre und sieben Monate Haft, die Verteidigung Freispruch gefordert. In das gestern verkündete Urteil bezog das Gericht eine Geldstrafe wegen Beihilfe zum Versicherungsbetrug mit ein. Laut Urteil hatte der Hells Angel in Kiel einen Scheinunfall inszeniert. Als er am Steuer eines Pkw bremste, fuhr ihm ein Komplize auf dem Zweirad von hinten auf die Stoßstange. Die Versicherung zahlte 1500 Euro, die zum Teil in die Rockerkasse flossen. Auch der Versicherungsagent, der den Schadensfall bearbeitete, war damals am Betrug beteiligt. Nach einer ganzen Serie frei erfundener Schadensfälle verurteilte ihn das Landgericht wegen Untreue zu einer Freiheitsstrafe.

Die gestern verhängte Geldstrafe von 250 Tagessätzen à zehn Euro braucht der von Hartz IV lebende Ex-Rockerchef nicht zu bezahlen: Gut ein Drittel der Summe wird ihm wegen rechtsstaatswidriger Verzögerung des Verfahrens erlassen. Und nach sieben Monaten zu Unrecht erlittener U-Haft bekommt er am Ende noch eine Restentschädigung ausbezahlt – insgesamt rund 1400 Euro.

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