17 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
„Kieler Hütte“ im Harz ist Geschichte

Landschulheim „Kieler Hütte“ im Harz ist Geschichte

Ein Stück Kieler Stadtgeschichte ist verschwunden: die sogenannte „Kieler Hütte“. Fast 40 Jahre lang war das Landschulheim im Besitz der Stadt, mehr als 60000 Kieler Kinder und Jugendliche verlebten in dieser Zeit dort auf der 725 Meter hohen Jordanshöhe in der Gemeinde St. Andreasberg (Harz) unbeschwerte Tage.

Voriger Artikel
Einsatzübung im Supermarkt
Nächster Artikel
Mann versuchte Kinder in ein Taxi zu locken

Mehr als 60 000 Kieler Kinder und Jugendliche verlebten ihre Ferien im Bergschulheim auf der Jordanshöhe bei St. Andreasberg im Harz.

Quelle: Isgard Noa

KIEL. Dass das Gebäude 1960 errichtet werden konnte, ist einem beispielhaften Engagement Kieler Bürger für die Kinder ihrer Stadt zu verdanken. Und einem Mann, der sich damals anschickte, deutsche Fernsehgeschichte zu schreiben: Peter Frankenfeld.

Der Mann mit den riesigen Karos auf seinen Jacketts muss auch ein großes Herz für Kinder gehabt haben. Am 6. März 1954 kam Peter Frankenfeld (1913 bis 1979) extra schon ein paar Stunden früher nach Kiel, wo er in der Ostseehalle die von den Kieler Nachrichten organisierte Benefiz-Veranstaltung „Kinder helfen Kindern“ moderieren sollte. Dabei hatte der Moderator an diesem Tag eigentlich schon ein anderes Engagement. Doch das sagte er ab, weil ihn die Einladung aus Kiel mit dem Ziel der Kinderhilfe offenbar mehr reizte.

„Noch am Veranstaltungstag sauste Frankenfeld in Kiel herum, um einen Klempner zu finden, der 20 Dosen mit einem Schlitz zusammenlötete“, erinnerte sich der damalige KN-Anzeigen- und Werbeleiter Fritz Quackenbrügger 25 Jahre nach dem denkwürdigen Kiel-Auftritt des legendären Showmasters mit mehr als 8000 Besuchern: „Diese Dosen verteilte er während der Veranstaltung in der Ostseehalle. Und so kam neben dem Überschuss aus den Eintrittsgeldern eine beachtliche Summe für die Spendenaktion zusammen.“

Dieses Geld (die Summe ist nicht überliefert) bildete mit der von den KN kurz zuvor initiierten „Pfennig-Spenden-Aktion“ den Grundstock zur Finanzierung des Landschulheims im Harz. An allen Kieler Schulen wurden kleine Spardosen mit der Aufschrift „Kinder helfen Kindern“ aufgestellt. Allein durch die dort eingeworfenen Pfennige kamen im Laufe der Jahre 14000 Mark zusammen.

Aber das war nur der Anfang. Der damalige KN-Redakteur Kurt Gamalski – besser bekannt unter seinem Kolumnen-Pseudonym „Miesnutz“ – nutzte die durch Peter Frankenfeld in Kiel angefachte Spendenbegeisterung („... eine gewaltige Lokomotive war dieser Mann für dieses Kinder-Erholungswerk“) und initiierte einen Postkartenverkauf mit einem Erlös von insgesamt 24245 Mark. Es folgte ein KN-„Musikwettstreit“ in der Ostseehalle mit 9000 Besuchern (13235 Mark) und noch viele weitere Sammelaktionen mehr. Bis 1960 kamen dabei insgesamt 109000 Mark zusammen, fast ein Viertel der Baukosten für das 1960 eingeweihte Landschulheim der Stadt.

Doch schon ab Mitte der 1980er-Jahre begann der schrittweise Niedergang, die Belegungszahlen sanken von im Schnitt 2200 auf 1500 Kinder pro Jahr, später dann noch weiter. „Der Harz als Urlaubsregion war vielen Schülern und Lehrern offenbar nicht mehr attraktiv genug“, erinnert sich Helmut Harbs, der bis 1992 im Kieler Schulamt für die Verwaltung des Heimes zuständig war. Außerdem seien die Sport- und Freizeitmöglichkeiten im Vergleich zu anderen Einrichtungen „ziemlich begrenzt“ gewesen.

Die Kieler Hütte im Harz, Foto:hfr

Die Kieler Hütte im Harz, Foto:hfr

Quelle:

Zur sinkenden Nachfrage kamen nun noch steigende Kosten als Belastung für den Haushalt hinzu. Zwischen 80000 und 200000 Mark belief sich der städtische Zuschuss in den 1990er-Jahren, Kosten für anstehende Sanierungen nicht eingerechnet. Im Sommer 1998 zog die Stadt dann schließlich die Reißleine. Die Immobilie mitten im Naturschutzgebiet wurde an einen Privatmann für rund 400000 D-Mark verkauft.

Danach diente das Gebäude zwar weiter als Jugendeinrichtung mit Übernachtungsmöglichkeit, wurde aber von Kieler Schulklassen immer weniger genutzt. Vor ein paar Wochen rückten nun die Abrissbagger an. Die gute Harzluft in 725 Metern Höhe mit Aussicht auf fast unberührte Natur genießen künftig andere: Eigentümer oder Mieter von dort demnächst entstehenden Ferienwohnungen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

Mehr zum Artikel
„Kieler Hütte“
Foto: Junge Damen? Unter den Kopftüchern verbargen sich Jungs der Heinrich-von-Stephan-Schule in Friedrichs- ort, die sich 1960 einen Spaß mit dem Geschlechterrollentausch erlaubten.

„Wie schade, dass es sie nicht mehr gibt“: Das ist der Tenor vieler Leser-Zuschriften, die die Redaktion nach dem Bericht zum Abriss der „Kieler Hütte“ immer noch erreichen. Außer Wehmut mischen sich in die Berichte über die Schullandheim-Aufenthalte im Harz aber auch noch jede Menge größtenteils schöne Erinnerungen.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3