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„Die Sicherheit ist auf einen Schlag verloren gegangen“

Leiter des Kinderschutz-Zentrums „Die Sicherheit ist auf einen Schlag verloren gegangen“

Manuel Florian ist Leiter vom Kinderschutz-Zentrum Kiel. Er ist erschrocken über die Vorfälle in Kiel-Gaarden - warnt im Interview aber vor übertriebener Angst. 

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Warnt vor übertriebener Angst: Manuel Florian (58) ist Leiter des Kinderschutz-Zentrums Kiel.

Quelle: hfr

Kiel. Herr Florian, wie bewerten Sie aus der Sicht des Kinderschutz-Zentrums Kiel den Fall des Missbrauchs einer Siebenjährigen in Gaarden?

Er ist einer von leider viel zu vielen Fällen von sexuellen Straftaten an Kindern – zumal wir wissen, dass die Dunkelziffer besonders hoch ist. Allerdings haben wir es hier mit einem besonders schweren Fall zu tun, was mich natürlich auch besonders erschrocken hat.

Was bewirkt so ein Erlebnis in einem Kind?

Eine Vergewaltigung ist eine höchst traumatische Situation. Ein Kind erlebt vielleicht erstmals einen Moment, in dem es einem anderen Menschen komplett hilflos ausgesetzt ist – vermutlich unter Todesangst. Es kann das Erlebnis aber nicht einordnen. Dies ist eine ganz schwere Erschütterung von allem, was zuvor sicher schien.

Was bedeutet das für die Familien solcher Opfer?

Für die Familien ist es schwer, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Alle haben mit ihren Gefühlen zu kämpfen. Eltern sollten sich in so einer Krise unbedingt Rat und Unterstützung von Fachleuten holen. Es kann passieren, dass Kinder ihre Eltern nicht mehr als sicheren Hafen wahrnehmen, sich nirgendwo mehr sicher fühlen, weil die eigenen Eltern sie ja nicht schützen konnten – eine schwere Belastung für die Familie. Die Sicherheit ist auf einen Schlag verloren gegangen.

Was hilft in so einer Situation?

Missbrauchten Kindern sollten besonders die Eltern das Gefühl geben, dass das Leben weitergeht. Dazu gehört das Festhalten an Ritualen, etwa das gemeinsame Abendbrot oder die Gute-Nacht-Geschichte. Wichtig sind vor allem gewohnte Abläufe, Geborgenheit, besondere Aufmerksamkeit, das offene Ohr und viel emotionale Zuwendung.

Diese Qualitäten sind jedoch nicht überall vorhanden…

Das ist leider so. Das Problem ist: Die meisten Straftäter spüren Defizite und Bedürfnisse an Kindern sehr geschickt auf, nutzen sie aus. Wir beobachten grundsätzlich, dass Kinder häufiger Opfer werden, wenn im familiären Umfeld wenig soziale und emotionale Substanz vorhanden ist, wenn Eltern ihre Kinder wenig im Blick haben und die Bindung schwach ist.

Welches Verhalten gegenüber den Opfern ist falsch?

Auf keinen Fall sollte man ihnen Schuldgefühle einreden. Wie konntest Du nur? Warum hast Du Dich nicht gewehrt? Solche Fragen sind ein massiver Schlag gegen das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl. Das Umfeld der Kinder, auch Lehrer und Mitschüler, sollten dem Kind mit Mitgefühl und freundlicher Aufnahme begegnen. Missbrauchsopfer leiden nicht selten genauso unter den sozialen Folgen der Tat wie unter der Tat selbst.

Was ist bei der Prävention zu beachten?

Es ist gut, wenn es gelingt, Kinder zu starken Persönlichkeiten zu erziehen, die sich wehren können. Aber ich fürchte, manchmal fehlt es schon am kleinen Einmaleins der Erziehung. Früher wurde uns eingeschärft: Gehe niemals mit Fremden mit! Und: Nimm niemals Geschenke von Fremden an! Das scheint heute nicht mehr der Fall zu sein. Vieles wird von den Eltern auf die Schulen abgeschoben, das gilt auch für die Aufklärung.

Was sagen Sie all den Eltern, die nun in großer Sorge sind?

Dass so ein fremder Täter quasi aus dem Nirgendwo auftaucht, ist – Gott sei Dank – sehr selten. In den allermeisten Fällen kommen die Täter auf dem familiären Umfeld. Und die akute Gefahr ist ja gebannt. Wenn nun Eltern alle möglichen Sicherheitsmaßnahmen ergreifen, dann ist das zwar verständlich, wenn sie sich damit vorübergehend besser fühlen. Doch Angst darf nicht unseren Alltag bestimmen. Das hilft niemandem – auch den Opfern nicht.

Das Interview führte Oliver Hamel

Was Eltern tun können

Wie schütze ich mein Kind vor Übergriffen? Die Statistik zeigt: 80 Prozent der Täter kommen aus dem direkten Umfeld der Opfer. Es sind Menschen, denen es vertraut – Familienangehörige, Nachbarn, Bekannte in Vereinen. Das Kieler Petze-Institut für Gewaltprävention rät Eltern:

In der Familie : Schenken Sie Ihren Kindern viel Aufmerksamkeit, Anerkennung und Zärtlichkeit, sie sind dann weniger anfällig für dubiose Annäherungen. Zeigen Sie die Grenzen auf: Kinder sollten wissen, was man nicht mit ihnen machen darf und wann sie „nein“ sagen dürfen. Stärken Sie das Selbstbewusstsein ihrer Kinder. Fördern Sie ihre Selbständigkeit. Sorgen Sie für eine altersgemäße sexualpädagogische Aufklärung.

Auf dem Schulweg : Kinder sollten den Weg mit anderen Kindern gehen. Nicht der kürzeste, sondern der sicherste Weg ist besser, also eher belebte Straßen. Eltern sollten den Weg mit ihren Kindern mehrfach abgehen und zeigen, wo sie Hilfe bekommen könnten, etwa Geschäfte oder Praxen. Der Name des Kindes sollte nicht offen erkennbar sein (zum Beispiel am Rucksack).

Im Internet : Eltern sollten regelmäßig mit ihren Kindern darüber sprechen, welche Seiten sie besuchen und welche Gefahren die Weitergabe privater Daten birgt.

Mehr: www.petze-institut.de

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Kindesmissbrauch Gaarden
Foto: Sozialarbeiter Savas Sari fürchtet, dass Ausländer zunehmend unter Generalverdacht  gestellt werden.

Für Eltern, Kinder und Beschäftigte des betroffenen Kinderhauses ist die Lage mehr als schwierig. Mütter und Väter üben Kritik, dass sie von der Hausleitung nicht sofort nach dem Missbrauch informiert wurden, die Arbeiterwohlfahrt hält dagegen, dass dem mutmaßlichen Täter auf der Stelle Hausverbot erteilt worden sei.

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