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„Die Weltrettung zumindest versuchen“

„Living Planet Tour“ „Die Weltrettung zumindest versuchen“

Mit der „Living Planet Tour“ kommt der Fernseh-Moderator Dirk Steffens am Mittwoch nach Kiel. Im Kieler Schloss wird er ab 19 Uhr von seinen Erfahrungen mit bedrohten Tierarten und die aktuellen Ergebnisse des „WWF Living Planet Reports“ präsentieren. Wir haben ihn vorab interviewt.

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Mit der „Living Planet Tour“ kommt der Fernseh-Moderator Dirk Steffens am Mittwoch nach Kiel.

Quelle: WWF

Kiel. Frage: Der Kieler Meeresbiologe Uli Kunz tourt gerade durch Deutschland und macht auf die Schönheiten in der Welt aber auch auf die Gefahren aufmerksam. Nun kommen Sie nach Kiel und haben ähnliche Themen im Gepäck. Hören Ihnen die Menschen überhaupt noch zu?

 Es kann gar nicht genug Veranstaltungen geben, die auf die aktuellen Umweltprobleme aufmerksam machen. Und das Interesse ist groß: Seit ich mit der „Living Planet Tour“ begonnen habe, sind fast 30.000 Besucher gekommen. Ich nehme an, damit ist das in diesem Themenbereich Deutschlands erfolgreichstes Liveprogramm. Also ja: Die Menschen hören zu. Offenbar spüren alle, dass die Gefahren durch Umweltzerstörung immer drängender werden und wollen sich informieren. Außerdem erzähle ich ja auch auch von meinen 25 Jahren auf Weltreise - da macht so ein Programm auch Spaß, da wird viel gelacht, es gibt tolle Fotos und Filme zu sehen.

 Sind wir nicht irgendwann gesättigt von Wörtern wie Klimawandel, Artensterben und Versauerung der Ozeane. Wird nicht oft zu viel gewarnt, sodass der gegenteilige Effekt eintritt: Die Warnungen kommen nicht mehr an?

 Das ist wie immer im Journalismus - und ich bin ja ein ganz klassisch ausgebildeter Journalist: Es kommt darauf an, wie die Geschichte erzählt wird. Und ich habe noch nie gehört, dass sich einer zunehmenden Gefahr mit weniger Warnungen begegnen ließe.

 Was sagen Sie Menschen, die resignieren?

 Ich treffe zwar sehr, sehr viele besorgte Menschen, aber eigentlich kaum wirklich resignierte. Frust ist destruktiv, er hilft nicht bei der Lösung von Problemen, also versuche ich, Optimismus zu verbreiten. Und seien wir ehrlich: Es gibt ja gar keine Alternative dazu, die Weltrettung zumindest zu versuchen.

 Kiel ist in vielen Dingen vorbildlich. Die Plastiktüten wurden verbannt. Es wird über ein System nachgedacht, das die Einwegbecher-Flut einschränken soll. Was kann eine Stadt noch tun?

 Kiel macht eine Menge, aber vorbildlich bedeutete ja, dass hier deutlich mehr getan würde als in anderen deutschen Städten. Und da bin ich mir gar nicht sicher, ob das der Fall ist. Kommunen und Städte haben Gestaltungsspielraum beispielsweise bei Fragen des Verkehrs und der Energieversorgung. Und bei der Nutzung nachhaltiger Energiequellen und der Entwicklung des Fahrradverkehrs ist noch sehr viel Luft nach oben.

 Die meisten von uns wissen, dass wir die Erde zerstören. Viele fahren deshalb mit dem Rad zur Arbeit, trennen den Müll und kaufen bewusst ein. Mehr ist doch persönlich nicht machbar. Oder?

 Die Zahlen sagen genau das Gegenteil: Der steigende Konsum hat bisher alle Umwelt-Gewinne, bspw. durch effizientere Autos oder Waschmaschinen, zunichte gemacht. Die Zahl der Autos in Deutschland ist genauso hoch wie vor zehn Jahren. Der Fleischkonsum, ein großer Faktor auch für den Klimawandel, ist doppelt so hoch wie es aus medizinischer Sicht gesund für uns wäre. Und die meisten Menschen kaufen eben nicht bewusst ein, sondern vor allem billig. Beim Mittagessen kann die Currywurst gar nicht billig genug sein, aber abends gönnen wir uns ohne zu zucken gerne mal Wein oder Cocktails für zehn Euro pro Glas und wir kaufen uns wandgroße Fernseher. Da sind unsere Werte offenbar ziemlich verrutscht.

 Für einen Fernseh-Beitrag wurden sie selbst zum Geflügelmäster und stellten im Supermarkt fest, dass sogar Katzenfutter mit Huhn teurer ist als ein ganzes Hähnchen. Was läuft da falsch?

 Fleisch ist von einem wertvollen, besonderen Lebensmittel zu einem superbilligen Massenprodukt verkommen. Das ist schlecht für die Bauern, die mit ihren Tieren zu wenig Geld verdienen. Das ist schlecht für Umwelt, die zum Beispiel mit Gülle belastet wird. Das ist schlecht für uns Verbraucher, weil zu viel Fleisch ungesund ist. Würden wir zu dem Modell vom Sonntagsbraten zurückkehren und Fleischprodukte nicht täglich im Übermaß verzehren, wäre das für alle besser.

 Bei einem Straßenversuch stellten Sie eine Box auf, ein Quadratmeter groß, und ließen die Passanten raten, wie viele Hühnchen auf einem Quadratmeter im Hühnerstall leben. Auf die Zahl 26 kam niemand. Können wir bewirken, dass so etwas verboten wird?

 Noch schöner wäre es ja, wenn wir Verbraucher das selber regeln würden, einfach durch unsere Auswahl beim Einkaufen. Wir müssen aufhören, immer auf die Bauern zu schimpfen, die sind nicht alleine Schuld, sondern produzieren, was wir kaufen wollen. Deshalb kann – und das ist eine gute Nachricht – jeder etwas tun, um die Welt gesünder zu machen. Ein paar Cent mehr für landwirtschaftliche Produkte auszugeben, um die Produktionsbedingungen zu verändern, wäre ein prima Anfang.

 Der UN-Gipfel in New York verständigte sich auf die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung mit den darin enthaltenen globalen Nachhaltigkeitszielen. Und in Paris wurde der neue Weltklimavertrag verabschiedet. Tolle Sache. Aber was hat das mit uns zu tun?

 Wie bitte? Das fragen Sie in einer Küstenstadt? Die Meere steigen! Hier bei uns in Schleswig-Holstein, auf Nordstrand, wird deshalb gerade Deutschlands erster Klimadeich gebaut. Die Deichverstärkung kostet, wenn die Zahl noch aktuell ist, für eine Strecke von 2,5 Kilometern etwa 27 Millionen Euro. Und wir haben in Schleswig-Holstein etwa 2000 Kilometer Küstenlinie. Der Klimawandel wird dazu führen, dass die Wahrscheinlichkeit für Stürme und andere Extremwetter-Ereignisse auch bei uns zunimmt. Steigende Meere könnten weltweite Flüchtlingsströme auslösen. Das Artensterben bedroht die Grundlagen unserer Landwirtschaft und damit unserer Ernährung. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was mehr mit uns zu tun hätte als solche Fragen.

 Die untersuchten Wildtierbestände sind laut WWF seit 1970 um durchschnittlich 58 Prozent zurückgegangen und werden bis zum Jahr 2020 voraussichtlich um sogar durchschnittlich 67 Prozent schrumpfen. Machen solche Zahlen nicht mutlos?

 Ja, die sind bitter. Es hat in der Geschichte der Erde bisher fünf Massenaussterbe-Ereignisse gegeben, eines davon war der Meteorit, der die Dinosaurier und insgesamt etwa drei Viertel aller damals lebenden Arten ausgelöscht hat. Jetzt hat das sechste Massenaussterben begonnen, wir erleben das schlimmste Aussterben seit dem Verschwinden der Dinos. Aber die gute Nachricht: Wir haben das Problem erkannt und Homo sapiens ist auch intelligent genug, es zu lösen. Also brauchen wir kein Gejammer, sondern müssen handeln. Und dazu gibt es, weil wir ja nur eine Erde haben, auch gar keine Alternative.

 Können Sie, Herr Steffens, eigentlich noch staunen?

 Das ist das Wunderbare an dem Beruf des Weltreisenden: Ich staune jeden Tag, meine Faszination für die Wunder der Natur wird nicht kleiner, sondern größer. Dieser Planet ist wunderschön – und davon erzähle ich ja auch bei meinem Vortrag.

 Interview: Kristiane Backheuer

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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