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IHK: „Stadt verspielt eine große Chance“

MFG-5-Gelände IHK: „Stadt verspielt eine große Chance“

Dass das MFG-5-Gelände nicht nur der Wirtschaft offenstehen soll, sondern auch dem Wohnen am Wasser – damit hat sich der IHK-Präsident abgefunden. Dass aber auch der WSV-Tonnenhof mehr Kaikante erhalten könnte, findet Klaus-Hinrich Vater gar nicht.

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Der heutige Tonnenhof in Holtenau beherbergt mehr als 100 Tonnen sowie die Spezialschiffe „Scharhörn“ (Foto) und „Bussard“. Streit gibt es nun um den Platzbedarf am geplanten neuen Standort.

Quelle: Frank Behling

Kiel. Der Tonnenhof der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) soll vom jetzigen Standort im Süden des Areals in den Plüschowhafen verlegt werden, um Platz für Wohnungen zu schaffen – auch das hat Klaus-Hinrich Vater zähneknirschend geschluckt. Doch auf inoffiziellen Wegen will die Industrie- und Handelskammer nun erfahren haben, dass der Tonnenhafen der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) an seinem künftigen Standort offenbar mehr Kaikante erhalten soll als bislang geplant. Und das geht gar nicht, findet Vater, denn damit würde den Unternehmen der direkte Zugang zum Wasser verbaut und die Option, maritime Industrie anzusiedeln, leichtfertig aus der Hand gegeben.

"Schöner wohnen vor Gewerbe"?

Vor der Presse schilderte Vater am Montag, was bei der Zukunftsplanung des MFG-5-Geländes aus Sicht der Unternehmen gerade massiv schief läuft. Gemäß den bisherigen Plänen sollten im Plüschowhafen auch nach der Tonnenhofverlagerung rund 150 Meter Kaikante für den Güterumschlag von Gewerbebetrieben offengehalten werden. Da die WSV jedoch mehr Platz benötige, solle am Donnerstag in einer gemeinsamen Sitzung von Bau- , Finanz- und Wirtschaftsausschuss beschlossen werden, das besagte Kai-Areal dem Tonnenhof zu überlassen. Damit jedoch, so Vater, würde das bislang bundesweit einmalige Konversionsgelände im Wettbewerb um neue Unternehmen und Arbeitsplätze sein Alleinstellungsmerkmal verlieren: den Anschluss an seetiefes Wasser. Ohne Kaikante, so der IHK-Präsident, sei das MFG-5-Areal eine „Gewerbefläche wie Hunderte andere auch“. Nun sei die Stadt dabei, fahrlässig eine riesige Chance zu verspielen, den seit Jahrzehnten andauernden Abbau von Industriearbeitsplätzen in Kiel endlich zu stoppen: „Wieder einmal erhält ‚schöner Wohnen‘ den Vorrang vor Gewerbe. Das werden wir nicht einfach so hinnehmen.“

Nach Einschätzung der Kammer gebe es durchaus Alternativen für eine Verlagerung des Tonnenhofes in Kiel. Die jedoch seien „von der Stadt gar nicht erst geprüft worden“. Als Beispiel nannte Vater frei werdende Flächen nach dem Kraftwerksneubau auf dem Ostufer oder brachliegende Teile des Lindenau-Areals in Friedrichsort. Was Vater vor allem erbost, ist, dass die Stadt die Planungen verändert habe, ohne die Wirtschaft einzuschalten. Die Schuld an diesem Kommunikationsdefizit trage vor allem „der Herr Bürgermeister“ – womit Peter Todeskino (Grüne) gemeint ist. Vom Oberbürgermeister fordert der IHK-Präsident nun „ein klärendes Gespräch“. Das Engagement Ulf Kämpfers für den Industrie-Dialog in Kiel sei ausdrücklich zu würdigen. „Aber wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass der Oberbürgermeister durch die industriefeindlichen Planungen des Bürgermeisters ausgebremst wird.“

OB Kämpfer reagiert entnervt

Nicht informiert? Alternativen nicht geprüft? Diese Vorwürfe wies ein etwas erstaunter OB Kämpfer zurück. Sehr wohl habe die Stadt die IHK über den Stand der Planungen auf dem Laufenden gehalten. Und selbstverständlich habe die Verwaltung auch andere Standorte für eine Verlegung des Tonnenhofes geprüft. Ebensowenig lässt Kämpfer den Vorwurf gelten, die Wirtschaft erhalte keinen Zugang zum Wasser: „Planerisch halten wir uns die Option für einen Umschlagplatz mit Kaikante offen.“

Vater hält so ein Vorgehen für wenig hilfreich: „Kein Unternehmen wird sich zu einer Ansiedlung entschließen, wenn die ausschlaggebende Infrastruktur erst nach ausgiebiger Überprüfung der Finanzierung und im Konsens mit den Förderrichtlinen des Landes geschaffen werden müsse. Doch Kämpfer kontert: „Wir prüfen sehr sorgfältig, ob der Bedarf da ist, und wenn das der Fall ist, werden wir auch schnell handeln.“ Am Donnerstag kommender Woche soll der Rat über die MFG-5-Planungen entscheiden.

Kiel: Traum von der Zukunft am Wasser

Seit das Marinefliegergeschwader 5 auf dem 80 Hektar großen Areal in Holtenau abgezogen ist, beteuern die Stadtoberen immer wieder, dass dort am Wasser die Zukunft Kiels liege: Geht das Konzept für „Kiels neue Mitte“ auf, dann sollen im Süden der Konversionsfläche neben den Holtenauer „Fördeterrassen“ etwa 1200 Wohnungen entstehen, sich im Norden eine 15,2 Hektar große reine Gewerbezone anschließen und dazwischen ein 12,5 Hektar großes Mischgebiet.

Wörtlich heißt es in der Vorlage für die Sondersitzung von drei Ausschüssen (Bau, Finanzen und Wirtschaft) am Donnerstag, 14. April, dass sich die Ratsversammlung „zur strategischen Ausrichtung des MFG- 5-Areals als zukunftsorientiertem und vernetztem Stadtteil bei möglichst zeitgleicher Entwicklung von produzierendem Gewerbe und Wohnen am Wasser bekennt.“ Die Verlegung des Tonnenhofs gilt dabei als finanzieller Türöffner für das Konzept. Denn von Beginn an war klar, dass vor allem das Wohnquartier Erlöse bringt. Von den bis zum Jahr 2020 geschätzten Ausgaben von 87,5 Millionen Euro erhofft die Stadt, Einnahmen von 44,1 Millionen Euro abziehen zu können. Durch erwartete Städtebau-Fördermittel des Landes schrumpft die riesige Finanzierungslücke zwar, doch am Ende muss die Stadt immerhin noch 26 Millionen Euro an Erschließungskosten stemmen. mad

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Ein Artikel von
Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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