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Ein Vater kämpft um seine Tochter

Mädchen-Gang am Hauptbahnhof Ein Vater kämpft um seine Tochter

Wochenlang randalierte eine Mädchen-Gang am Hauptbahnhof Kiel und beschädigte Einsatzfahrzeuge der Bundespolizei. Jetzt meldet sich der Vater eines der Mädchen zu Wort und übt scharfe Kritik am Jugendamt.

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Polizeioberkommissar Stefan Bildt (re.) und Kommissaranwärter Lukas Michaelsen von der Bundespolizei im Kieler Bahnhof.

Quelle: Frank Peter

Kiel. „Im Herbst vergangenen Jahres merkte ich, dass sich meine Tochter veränderte“, sagt der 51-Jährige. Jennifer (Name geändert) rebellierte. Gegen ihre Eltern, gegen Regeln, die sie der 14-Jährigen vorgegeben hatten. „Sie blieb plötzlich abends länger weg, manchmal kam sie gar nicht nach Hause, häufiger gab es Streit“, berichtet der Vater. In der Schule traten Probleme auf, Jennifer begann, sich selbst zu verletzten. Sie ritzte sich, für die getrennt lebenden Eltern wurde es immer schwieriger, Zugang zu dem Kind zu bekommen. „Wir waren in Sorge und haben beim Jugendamt um Hilfe gebeten, doch geschehen ist immer wieder nichts, obwohl man uns dort Unterstützung zugesagt hatte“, beklagt der Kieler.

Die Lage spitzte sich zu. „Im April war es so arg, dass wir beim Familiengericht einen Antrag stellten, unsere Tochter stationär im Zentrum für Integrative Psychiatrie in Kiel aufzunehmen“, so der Vater. Acht Wochen lang blieb Jennifer im ZIP, wurde anschließend wieder entlassen – ohne Angebote für ambulante Therapien. Für die Eltern war das absolut unverständlich: „Wir wünschten uns, unsere Tochter in einer geschlossenen Jugendhilfeeinrichtung unterzubringen, doch niemand sah einen Handlungsbedarf, die Ärzte sahen weder eine Fremd-, noch eine Eigengefährdung“, sagt der 51-Jährige.

Vandalismus an Polizeifahrzeugen

Eine Diagnose hätten die Mediziner auch nicht gefällt: „Uns ist immer wieder gesagt worden, mit 14 sei es noch zu früh, erst mit 16 könne man sagen, ob unsere Tochter beispielsweise an Borderline leiden würde.“ Im Sommer diesen Jahres begann schließlich die Serie von Vandalismus an Polizeifahrzeugen. Gemeinsam mit Freundinnen bliebt Jennifer immer häufiger nachts weg, nahm Drogen. „Mehrfach klingelte mich nachts die Polizei aus dem Bett, weil sie meine Tochter aufgegriffen hatte. Erschien ich auf dem Revier, weigerte sie sich aber, mit mir zu kommen. Stattdessen ließ sie sich ins Mädchenhaus bringen, wo sie gleich wieder stiften ging.“

Vor zwei Wochen eskalierte die Situation: Die Jugendliche kündigte an, dass eine Freundin und sie gemeinsam von der Holtenauer Hochbrücke springen wollten. Aufgeregt alarmierte der Vater die Polizei. Gemeinsam gelang es, Jennifer aufzuspüren. „Wieder wurde sie ins ZIP gebracht, wieder baten wir, eine Jugendeinrichtung zu finden, doch die Woche verstrich, ohne dass das Jugendamt Erfolg hatte. Ich holte meine Tochter nach Hause.“

Vater fühlt sich im Stich gelassen

 Der 51-Jährige ist verzweifelt. „Ich fühle mich allein gelassen vom Jugendamt“, sagt er. „Ich habe mehr und mehr das Gefühl, dass man sich dort entspannt zurücklehnt, wenn man merkt, dass auffällige Kinder ein Elternhaus haben, das sich kümmert.“ Eine Lösung sei dies aber nicht. Jennifer brauche Hilfe.

 „Sie ist kein schlechter oder verkehrter Mensch, sie hat auch keine Hasskappe gegen die Polizei“, ist der Vater überzeugt. „Sie hat mir immer wieder gesagt, wie leid ihr das alles tue, doch wenn der Druck zu groß werde, breche sie aus.“ Was seiner Tochter fehle, sei ein enger pädagogischer Rahmen. „Ich denke, dass ihr eine geschlossene Jugendhilfeeinrichtung fern der Heimat weit weniger helfen würde als eine ambulante Einrichtung“, sagt der Vater. Auch ein regelmäßiger Schulbesuch würde der 14-Jährigen vielleicht schon helfen.

Seitdem Jennifer im Frühjahr im ZIP war, hat sie keinen Unterricht mehr gehabt, zumal sie nach einigen Vorfällen von ihrer Schule geflogen ist.“ Mehrfach habe der Handelsvertreter versucht, die Jugendliche an einer anderen Schule anzumelden. Allerdings vergeblich.  Unterdessen ist Jennifer erneut bei der Bundespolizei trotz Hausverbots am Bahnhof auffällig geworden. „Die Jugendliche ist vorübergehend in Gewahrsam genommen und anschließend ins ZIP gebracht worden“, sagte ein Behördensprecher am Montag.

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Hauptbahnhof Kiel
Foto: Tatort Parkplatz: Eine Mädchen-Gang hat in den vergangenen Wochen mehrfach Fahrzeuge der Bundespolizei am Bahnhof beschädigt.

Die Serie von Sachbeschädigungen an Fahrzeugen der Bundespolizei am Hauptbahnhof Kiel, für die eine Gruppe junger Mädchen verantwortlich ist, sorgt für Kopfschütteln und Empörung. „Warum werden die Täterinnen nicht bestraft?“, fragen viele Leser bei KN-online. Die Bundespolizei verfolgt einen Weg.

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