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Mahnender Mühlstein sorgt für Missmut

Aktion abgesagt Mahnender Mühlstein sorgt für Missmut

Der „mahnende Mühlstein“, Zeichen gegen den Missbrauch an Kindern, wandert seit 2008 durch Deutschland. In 27 Städten lag er bereits an öffentlichen Plätzen. Jetzt soll das Kunstobjekt nach Kiel, doch aus der öffentlichen Niederlegung wird nichts. Stadträtin Renate Treutel hat ihre Zusage zurückgezogen.

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Wer aber einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, dem wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde.“

Quelle: hfr

Kiel. Der „mahnende Mühlstein“, ein tonnenschweres Zeichen gegen den Missbrauch an Kindern, wandert seit 2008 durch Deutschland. In 27 Städten lag er bereits an öffentlichen Plätzen, darunter in Berlin, München, Köln, Hannover und zuletzt in Rostock. Jetzt soll das Kunstobjekt nach Kiel, der Festakt war geplant, doch aus der öffentlichen Niederlegung in der Innenstadt wird nichts. Stadträtin Renate Treutel hat ihre Zusage zurückgezogen. Ihre Begründung: „Der Mühlstein enthält mit der biblischen Inschrift eine fragwürdige Botschaft.“ Die Initiatoren verweisen auf die metaphorische Aussage des Jesus-Zitats (Matthäus, Kap.18, Vers 6, siehe Infotext) und haben nun ein Privatgrundstück im Stadtteil Ellerbek gefunden, wo sie das Mahnmal am Dienstag aufstellen wollen.

Theologe interpretiert den Vers: „Jesus rief nicht zur Hinrichtung auf“

Im Matthäusevangelium (Kapitel 18, Vers 6) soll es Jesus so gesagt haben, und so steht es auf dem Mühlstein: „Wer aber einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, dem wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde.“ Der Kieler Theologieprofessor Enno Edzard Popkes interpretiert das Zitat so: „Hier geht es nicht um Kinder, sondern mit den Kleinen sind Menschen gemeint, die sich wie Kinder verhalten, also intellektuell schwach begabt sind.“ Auch die Gewaltandrohung müsse kulturgeschichtlich engeordent werden. Gemeint sei nicht, den Täter tatsächlich zu ertränken: „Das ist ein typisches Beispiel für Jesustraditionen, die sich widersprechen. Man muss fragen: Was ist die eigentliche Leitinstanz? In diesem Fall ist es die Feindesliebe und das Verbot von Vergeltung – daher ist es eine drastische metaphorische Beschreibung, aber keinesfalls der Aufruf zu Lynch, Hinrichtung oder Todesstrafe.“

Eigentlich sollte der Mühlstein für drei Monate direkt vor dem neuen Rathaus platziert werden. Stadträtin Treutel wollte bei der Auftaktveranstaltung am 14. Juni sogar die Grußworte sprechen. „Alles war konkret abgestimmt“, sagt Johannes Heibel, Mühlstein-Initiator und Sozialpädagoge aus Rheinland-Pfalz. Die Rücknahme der Genehmigung verfasste Treutel am 31. Mai – zwei Wochen nach der Zusage. Darin räumt sie ein, dass das Bibelzitat „vermutlich eher als metaphorische Warnung zu verstehen sei“, aber nach ihrer Ansicht „provoziert es

Missverständnisse hinsichtlich einer Forderung nach der Todesstrafe für Täter. Diese Forderung missachtet rechtsstaatliche und menschenrechtliche Grundsätze“.

Heibel, der seit 25 Jahren mit seiner Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen kämpft und nach eigenen Angaben rund 1000 Opfer begleitet und zum Teil juristisch unterstützt hat, wehrt sich gegen den Vorwurf: „Wir sind absolut gegen die Todesstrafe.“ Ziel des Vereins sei es, mit Kunstprojekten aufzurütteln. „Der Staat sollte beim Thema Missbrauch mehr Verantwortung übernehmen. Und auch die Kirche muss mit ihren eigenen Missbrauchsfällen anders umgehen.“

Die Kritik an der Inschrift ist für ihn indes nicht neu. In Berlin gab es bereits kontroverse Diskussionen und in Leipzig nutzte die rechtsradikale NPD die Kunstaktion als Trittbrett für ihre eigenen Forderungen nach einer Todesstrafe. Völlig unerwartet trifft den Verein nun das Vorgehen in Kiel: „So etwas haben wir noch nicht erlebt.“ In drei offenen Briefen werden Treutel Vorwürfe gemacht: „Das ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich ehrenamtlich engagiert haben. Außerdem ist es eine Verschwendung von Ressourcen und eine Abwertung geleisteter Arbeit, die ihresgleichen sucht“, schreibt etwa eine erboste Lübeckerin.

Stadträtin Treutel erklärt auf Nachfrage, wie es zu dem Widerruf kommen konnte. Sie habe die Zusage zunächst erteilt, ohne die Inschrift genauer zu lesen. Erst als die „bunte Einladung kam, sind wir mit mehreren darüber gestolpert“. Der Blick auf den Mühlstein offenbarte: „Die Zusage war ein Fehler, eine Unachtsamkeit, die aber zeigt, wie hoch die Bereitschaft ist, auf das Thema des sexuellen Missbrauchs aufmerksam zu machen.“ Die Stadt verfolge ein anderes Konzept, bei dem nicht die Täter im Fokus stehen, sondern Kinder gestärkt und Erwachsene sensibilisiert werden. Man setze auf Aufklärung und Opferbegleitung. Die Botschaft des Mühlsteins, sagt Treutel, „schadet diesem Präventionskonzept der Stadt Kiel“.

Dass nun ein neuer, ein privater Platz für den Mühlstein gefunden wurde, dagegen wolle und könne sich die Stadträtin nicht aussprechen. Der Verein jedenfalls freut sich: Eine Bürgerin mit Haus im Stadtteil Ellerbek, deren Großeltern eine Mühle besaßen, stellt ihre Auffahrt zur Verfügung. Am Dienstag, 14. Juni, um 14.30 Uhr wird der Mühlstein dort in der Prinzenstraße 20 feierlich niedergelegt. Nach einigen Tagen oder Wochen würde Heibel dann eine Verlegung begrüßen: „Vielleicht melden sich ja noch weitere Privatleute, auf dessen Grundstücken wir den Mühlstein auch aufstellen können.“ Erst ab Oktober soll das Kunstobjekt Kiel Richtung Norden verlassen. „Eine Anfrage in Flensburg läuft schon.“ Aber nach dem, was in Kiel abgelaufen sei, so Heibel, rechne er fast nicht mehr mit einer Zusage.

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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