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Der richtige Ton auf den Weltmeeren

Markus Jan Weber Der richtige Ton auf den Weltmeeren

Kann man die Meere der Welt mit Musik verbinden? Man kann. Zumindest wenn man Ozean-Pianist ist. Markus Jan Weber aus Kiel arbeitet auf den Schiffen der Aida-Flotte und sorgt für gute Stimmung an Bord.

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Zu Hause in der Wik: Am E-Piano komponiert Markus Jan Weber gerne eigene Titel. Im Schrank links weckt eine „Aida“ in Miniformat das Fernweh.

Quelle: Kristiane Backheuer

Kiel. Wenn Markus Jan Weber die Tasten berührt, tun sich auch in den Herzen und Köpfen der Passagiere neue Welten auf. Im Karibischen Meer spielt er „Sailing“ von Christopher Cross. Im Suezkanal „Desert Rose“ von Sting und bei der Fahrt nach St. Petersburg perlen die Klänge von Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ durch die Schiffsbar. Der 40-jährige Kieler sorgt seit 2004 auf der Aida-Flotte für den richtigen Ton an Bord.

 Das Fernweh beginnt bei Markus Jan Weber gleich vor der Haustür. Wenn er von seiner Dachgeschosswohnung in der Wik nach draußen schaut, sieht er die großen Kreuzfahrer vorbeiziehen. „Heute Morgen kam die ,Aidaluna’“, sagt er und strahlt. Große Schiffe sind seine Welt. Oft für Wochen und Monate werden die schwankenden Pötte für ihn zum Zuhause. Seekrank wurde er nur am Anfang. Inzwischen lenke die Arbeit gut ab – auch wenn es bei zehn Windstärken ein ewiges Auf und Ab gibt. In solchen Extremfällen blitzt bei ihm der schwarze Humor durch und seine Finger spielen den Titanic-Song „My Heart will go on“ in einer Rock’n’Roll-Version. Zuletzt ging er sogar als Musikmanager an Bord, um auf der „Aidaprima“ die Premieren der sechs neuen Gesangssolisten zu betreuen. Mit ihnen hat er seit Anfang Juni in Hamburg das Showprogramm musikalisch einstudiert.

 Wie man Ozean-Pianist wird? „Durch Zufall“, sagt Markus Jan Weber und grinst. Wie das Leben halt manchmal so spielt. Klar, er liebe Musik. Aber eigentlich ist der gebürtige Norderstedter ausgebildeter Tontechniker, setzte dann noch das Studium der Elektrotechnik in Kiel obendrauf. Nebenbei spielte er abends in der Chaplin’s Cocktail Bar, lernte dort die Kieler Kabarettgruppe „Die Sta(a)tisten“ kennen und begleitete sie fortan am Piano. Als die Truppe irgendwann eine Mini-Kreuzfahrt nach Kopenhagen auf der „Aidablu“ buchte, überredeten ihn seine Mitreisenden, sich ans Klavier zu setzen. Das tat er und bekam riesigen Applaus. Kurze Zeit später stand der musikalische Leiter im schwarzen Frack vor ihm und bat zum Gespräch. „Ich dachte nur: Jetzt gibt’s Ärger“, erzählt Markus Jan Weber. Doch weit gefehlt. Er bekam stattdessen einen Job angeboten. Das Leben als Ozean-Pianist konnte beginnen.

Unterwegssein gehört zu seinem Leben

 Zwei Jahre lang saß er immer wieder am Flügel auf der „Aidablu“. Spielte unzählige Male „Piano Man“ von Billy Joel. „We’re all in the mood for a melody. And you’ve got us feelin’ alright“, heißt es da. Ja, das ist der Job: Dafür zu sorgen, dass es allen gut geht. Jeden Abend aufs Neue lässt Markus Jan Weber die Akkorde in den Raum fließen – mal traurig, mal süß, mal laut, mal leise. Sein Repertoire ist unerschöpflich. Nebenbei sieht er das atemberaubende New York, verliebt sich in Nassau, die Hauptstadt der Bahamas, und wird nach wie vor ganz still, wenn sein Schiff in Norwegen durch den Geirangerfjord fährt. Das Unterwegssein gehört zu seinem Leben, wie die schwarzen Tasten zu den weißen am Klavier.

 Meist war er ein paar Monate am Stück unterwegs. Spielt an sechs Tagen die Woche bis zu vier Stunden. Eine kleine Einzelkabine, darin ein paar Kleidungsstücke, Musik, Literatur und das Foto seines inzwischen achtjährigen Sohnes David. „Wenn ich abends am Instrument sitze, brauche ich nichts weiter zum Glücklichsein“, sagt der Ozean-Pianist, der selbst einen Steinway-Flügel von 1964 besitzt. Als er von den Abendessen im Crewbereich erzählt, dampft draußen auf der Förde gerade die Color Line Richtung Norwegenkai. „Oft werde ich gefragt, ob wir als Crew die Reste des Passagieressens bekommen“, sagt er verschmitzt. „Meist sage ich dann: Nein. Es ist genau andersherum. Deshalb heißt es ja auch ,Restaurant’.“ Aber im Ernst: „Sowohl die Passagiere als auch die Crew bekommen an Bord sehr gutes Essen.“

 Seit 2006 ist er als musikalischer Leiter tätig. So lernt er alle elf Aida-Schiffe kennen. Und 2012 auch den Hurrikan Sandy. Mit nur 600 Passagieren an Bord, statt der geplanten 2050, starten sie einen Tag eher von New York aus Richtung Karibik und bringen sich in Sicherheit. „Die Wellen waren zwar immer noch eine Hausnummer, aber das Schiff wurde so manövriert, dass es dem starken Wellengang so gering wie möglich ausgesetzt war“, erzählt er. Angst kenne er nicht. „Ich vertraue dem Kapitän voll und ganz.“

 Als die „Aidaprima“ Mitte März zur Premierenfahrt aufbricht, ist er wieder als Ozean-Pianist dabei. „Ich wollte die Jungfernfahrt unbedingt am Klavier erleben“, sagt er. Diesmal sitzt er in der Nightfly-Bar auf Deck 6 und glüht vor Stolz und Glück. Die Freude durchdringt ihn bei jedem Lied. „Die Aida-Familie ist schon etwas Faszinierendes“, bekennt er.

 Ein neues Lieblingslied hat er gerade: „Mission: To be where I am“ von Jan Garbarek. „Als ich den Song das erste Mal hörte, stand ich kurz vorm Taschentuch“, sagt Markus Jan Weber nachdenklich. Beim Hören denkt er oft: „Wo stehe ich gerade im Leben?“ In so einem Moment nimmt er sein Handy zur Hand und klickt ein Foto an. Darauf ist das Wort „Now“ in den karibischen Sand geschrieben. Und genau das ist es für ihn, was zählt: Im Hier und Jetzt zu sein, das Leben bestmöglich zu genießen. Verweilen und Unterwegssein. Freiheit und Begrenzung. Nähe und Entfernung. Gegensätze, die das Leben spannend machen. Und während sich gerade ein Schiffsbug der Aida-Flotte durch die Meere der Welt kämpft, ist es die Musik, die alle eint. „Sing us a song, you’re the piano man, sing us a song tonight. Well, we’re all in the mood for a melody. And you’ve got us feelin’ alright.“

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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