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Auf seine Prognosen ist Verlass

Martin Neujahr Auf seine Prognosen ist Verlass

Der Kieler Martin Neujahr begann 1962, fasziniert von der Sturmflut in Hamburg, Wetterdaten zu protokollieren. Für die Kieler Woche ist er ein verlässlicher Wetterfrosch.

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Martin Neujahr misst die Windgeschwindigkeit: Jeden Tag notiert er sich zu drei bestimmten Zeitpunkten die Wetterdaten von Kiel und Umgebung, überträgt sie in Tabellen und erstellt für Freunde und die Familie auch schon einmal die Tagesaussichten.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Schlüsselerlebnisse können dem Leben plötzlich eine ganz andere Wende geben. Für den Kieler Martin Neujahr war das die Sturmflut 1962 in Hamburg, die er fasziniert am Fernseher verfolgte. Seitdem ist der heute 63-Jährige, der im Hauptberuf Klavierlehrer ist, mit Leidenschaft Hobby-Wetterfrosch. Jeden Tag notiert er sich zu drei bestimmten Zeitpunkten die Wetterdaten von Kiel und Umgebung, überträgt sie in Tabellen und erstellt für Freunde und die Familie auch schon einmal die Tagesaussichten.

 Neujahrs Haus mit großem Garten liegt mitten in einer lauschigen Ecke von Russee. Im Wohnzimmer das Klavier, am Esstisch ein hochgeklappter Laptop, an dem er täglich etwa vier Stunden sitzt. 15 Jahre lang betrieb er eine eigene kleine Wetterstation, doch heute orientiert er sich an den Temperatur-, Wind- und Regenvorhersagen der Station in Kiel-Holtenau. Seit 1965 hat er alle Wetterextreme notiert, zeigt auf eine Kurve, die belegt, dass in Kiel die Temperaturen seit 1988 ansteigen, bei den Niederschlägen sich jedoch kaum etwas verändert hat. Der heißeste Sonntag mit 35,0 Grad im Schatten war demnach am 9. August 1992. Ebenfalls im August registrierte er 1989 mit 104,2 Litern pro Quadratmeter die bisher stärkste Niederschlagsmenge in Kiel. Einen Tornado mit einem Tempo von 126 Kilometern erlebte er am 21. Mai 1983 damals in Friedrichsort mit. Doch der stärkste Sturm, der bisher über Kiel fegte, war „Verena“ mit fast 150 Stundenkilometern am 13. Januar 1993.

 Den Klimawandel mit der Zunahme von Wetterextremen stellt er nicht in Frage. Aber Neujahr beobachtet, dass die Menschen sich offenbar so an die Wärme gewöhnt haben, dass sie jede kleine Abweichung nach unten irritiert. Dabei gab es bereits immer mal wieder extrem warme oder kalte Monate. „Dieser Mai war mit einem Mittelwert von 13,6 übrigens der wärmste Mai seit 1868, als er bei 14,4 Grad lag“, sagt er. Im Dezember 2010 war es mit einem Mittelwert von -3,5 Grad so kalt wie seit Beginn der Wettermessungen 1850 in diesem Monat nicht mehr.

 Kieler Woche mit Wolkenbruch, Hagel und Gewitter – norddeutsches Schietwetter scheint zum Fest zu gehören wie Segeln und die Spiellinie. Das Wetter, meint Neujahr, sei in dieser Zeit auch nicht schlechter oder besser als für Ende Juni üblich. Nur 1992 gab es mal eine Kieler Woche ganz ohne Regen. Ansonsten heißt es seit 26 Jahren, dass Besucher Regenjacken und Schirme im Gepäck und Sonne im Herzen dabei haben sollten. Laut den Messungen gibt es aber auch immer wieder Sonnenschein, am 23. Juni 2005 schien sie demnach sogar 15,8 Stunden.

 Zwei Söhne hat Neujahr, die eins eint: Sie teilen die Leidenschaft ihres Vaters nicht. Vielleicht deswegen, weil sie schon als Kinder handschriftliche Wetterdaten vorlesen mussten, die der Vater in seine Listen übertrug, jeden Tag die Daten von 8, 15 und 22 Uhr. Im Computerzeitalter hat sich vieles vereinfacht, aber auch jetzt muss er regelmäßig die Daten übertragen, da sie nach einigen Tagen aus dem Netz verschwinden. Aber Familie und Freunde haben auch gut davon. So verteilt er schon mal Wetterkarten mit Aussichten an Geburtstagen oder wählt die Radtouren aus. „Meine Frau und ich sind begeisterte Radler. Wir machen die Planung von den jeweiligen Windrichtungen für die Strecken abhängig. Das klappt fast immer“, sagt er stolz. 120000 Kilometer ist er bereits durch Schleswig-Holstein gestrampelt, ohne nass zu werden.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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