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Aufbruch in die Demokratie

Matrosenaufstand Kiel Aufbruch in die Demokratie

Waren es Verräter oder Helden der Geschichte? Bis vor wenigen Jahren stritten sich Historiker und Politiker über die Einordnung des Kieler Matrosenaufstandes. 2018 zum 100. Jahrestag ist das Ziel, Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt endlich als ein Geburtsort der Demokratie ins Bewusstsein zu rücken.

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Novemberrevolution in Kiel: Großen Zulauf erhielt die Versammlung auf dem Wilhelmplatz am 10. November 1918

Quelle: Landeshauptstadt Kiel

Kiel. Das gibt Kulturdezernent Wolfgang Röttgers vor. Auf Einladung der Stadt tagen noch bis zum heutigen Sonnabend Experten zum „historischen Ereignis von nationaler Tragweite“. Es ist der Beginn einer schwierigen Spurensuche.

Viele Fragen sind noch wegen großer Forschungslücken ungeklärt: Was waren die politischen und sozialen Voraussetzungen? Wie lief die Kommunikation der Akteure untereinander? Welche Rolle spielten die Frauen und die Presse? Den Matrosen aus Wilhelmshaven, die ein Auslaufen der Kaiserlichen Flotte zu einer letzten aussichtslosen Seeschlacht verhindert hatten, schlossen sich in Kiel Soldaten und Arbeiter an. Nur über eins waren sich die Historiker immer einig: Die Unruhen konnten sich während des Ersten Weltkriegs nur deshalb so schnell ausbreiten und in politische Forderungen wie nach dem Frauenwahlrecht münden, weil die Kieler Bevölkerung unter Hunger und großer Not litt.

Im Kieler Rat tobte noch 1978 über die Aufstellung des Revolutionsdenkmals von Hans-Jürgen Breuste im Ratsdienergarten ein heftiger Streit. Die CDU blieb der Einweihung fern. Bis weit in die 80er Jahre deuteten die politischen Systeme in Deutschland dieses Geschichtskapitel in ihrem Sinn: Während die DDR die aufständischen Matrosen, Arbeiter- und Soldatenräte als Revolutionäre feierte, war in der Bundesrepublik oft noch von Meuterern die Rede. Die Dolchstoßlegende gehört für Museumsleiterin Doris Tillmann, die den Historiker-Workshop am Freitag eröffnete, zu der Legenden- und Mythenbildung, die „den Blick auf den Matrosenaufstand lange Zeit verstellte“. Heute, bestätigt auch der frühere Stadtarchivar Jürgen Jensen, gebe es einen großen Konsens, dass die Ereignisse Kiel mit der großen deutschen Geschichte verbinden und zum Aufbruch in die Demokratie führten. Die Geschehnisse von 1918 läuteten das Ende des Krieges und damit der Kaiserzeit ein.

Volkskundlerin Tillmann ist überzeugt, dass nicht nur die Fachwelt, sondern auch Kieler dem Jubiläumsjahr mit großem Interesse entgegensehen. Der Aufstand habe eine wichtige Bedeutung für die lokale Identität. Aber vor dem Gedenken der Stadt müssen nicht nur die Forschungslücken geschlossen werden. Die Suche nach Spuren der lange Zeit fast vergessenen Revolution gestaltet sich auch deshalb so schwierig, weil kaum historische Dokumente und Bilder existieren und nur wenige Orte in der Stadt auf die Geschichte hinweisen. Erst 2009 beschloss der Rat, durch jährliche Aktionen an die Bedeutung der Ereignisse von 1918 zu erinnern. Im selben Jahr wurde der Bahnhofsvorplatz in „Platz der Kieler Matrosen“ umbenannt, eine Info-Stele vor dem Hauptbahnhof erst 2013 aufgestellt und Hinweise auf zehn Orte der Revolution im Internetportal der Stadt eröffnet. Bei der Einweihung der Stele stellte Röttgers damals fest, die Erhebung von Matrosen, Soldaten und Arbeitern in Kiel und ihre Folgen seien „viel zu wenig in unserem historischen Gedächtnis verankert“. Das soll sich bis 2018 gründlich ändern.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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Foto: Exponate aus Kiel, die auf den Matrosenaufstand hindeuten, sind jetzt für einen Film und eine Ausstellung von Interesse: Das von Matthias Sperwien (li.) und Johannes Rosenplänter gezeigte lange als bekanntestes Bild kursierende Foto stellte sich 2015 als Berliner Aufnahme heraus.

Erst ein Aufstand in Kiel, dann die Revolution im ganzen Land: 1918 leitete das Aufbegehren von Matrosen das Ende des Kaiserreichs und des Ersten Weltkriegs ein. Zum 100. Jahrestag sollen ein Film und eine Ausstellung daran erinnern. Dafür suchen die Macher Exponate.

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